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CHRISTOPH AHLHAUS

"Früher war ich wohl ein Spießer"

Christoph Ahlhaus

Es ist 8.30 Uhr, Christoph Ahlhaus sitzt in seiner Lieblingsspelunke im Schanzenviertel und bestellt ein Bierschinkenbrötchen. Neben ihm löffelt seine Frau Simone den Schaum vom Milchkaffee, an der Wand wirbt ein vergilbtes Plakat für den „Spareribs-Tag“. Im Radio läuft 80er-Jahre-Synthie-Pop, und der designierte Bürgermeister fühlt sich pudelwohl. Wer ist dieser Ahlhaus, der aussieht wie 50, es aber mit 40 Jahren vom Provinzpolitiker an die Spitze Hamburgs geschafft hat?



„Mein Mann ist eigentlich ein ganz lockerer und lustiger Typ“, sagt Simone. Da sie weiß, dass das bislang nur wenigen Hamburgern aufgefallen ist, fügt sie hinzu: „Ja, er kommt manchmal etwas härter, steifer und vielleicht nicht so locker rüber. Aber so ist er nicht. Sonst hätte ich ihn ja nicht geheiratet.“



Simone ist deshalb sein großer Trumpf. Die große, schlanke Frau mit den blonden Haaren, blendend weißen Zähnen und blauen Augen stammt aus der Pfalz, sieht aber aus wie die Traumschwiegertochter einer traditionellen Kaufmannsfamilie aus Nien-stedten. Das macht sie nach neun Jahren ohne „First Lady“ zum Liebling der CDU. Dazu hat sie mit 34 Jahren Karriere gemacht, nimmt das BlackBerry im Urlaub mit an den Strand und hat eine gewinnende Art. Ihr Mann dagegen kämpft mit dem Image des grobschlächtigen Haudraufs, woran er nicht ganz unschuldig ist. Seine Frau hat ihm auch gesagt, er solle auf Empfängen keine Schinkenbrötchen essen, das sehe meist unvorteilhaft aus. Aber so ganz will sich Ahlhaus dann doch nicht verleugnen.



„Das ist nicht dein Typ“, hatte ihr eine Freundin vor der ersten Begegnung gesagt. Sie sah das damals nicht anders.



Doch Ahlhaus kann in der Tat sehr charmant und witzig sein. Und als Badenser ist er ein Kenner guter Tropfen. Im Dezember 2003, zum ersten Mal trifft er sie in einem Sylter Gasthof, ordert er zu später Stunde Schnaps. Williams-Birne. Sie ist die Einzige, die mittrinkt. Das imponiert dem bereits äußerst angetanen Juristen noch mehr. „Aber ich habe nicht unbedingt gedacht, dass sie auf mich anspringt“, gibt er in seiner selbstironischen Art zu.



Einen Tag später platzt die Koalition zwischen CDU und Schill-Partei. „Da war mir klar: Jetzt will ich ein Stück weiterkommen“, sagt Ahlhaus. Nach zehn Jahren Heidelberger Kommunalpolitik ergreift der damalige CDU-Landesgeschäftsführer seine Chance und schlägt beim Parteichef ein Bürgerschaftsmandat für sich raus. Eine Partei sei nun mal ein Kungelverein. Und Kungeln, das kann Ahlhaus. Sonst würde er nicht im Rathaus anklopfen.



Mit 16 trat er in die Junge Union ein – während andere Party machten. „Ich kenne kein Jugendfoto meines Mannes mit langen Haaren, Zigarette im Mund oder Schnapsflasche in der Hand“, sagt Simone. „Ich bin kein Spießer“, betont Ahlhaus. Dann, etwas leiser: „Bis 17 war ich wohl ein bisschen spießig. Aber als Student nicht mehr, glaube ich.“ Immerhin lebte er in Berlin in einer WG.



Sein Problem: Die Hamburger haben ihren „König“ Ole von Beust gewählt. Und jetzt wird ihnen Ahlhaus vorgesetzt. Viele fühlen sich getäuscht. Und dann die Sache mit der Villa. Ehepaar Ahlhaus macht ein Schnäppchen in den Elbvororten. Das muss aber für eine Million Euro Steuergeld gesichert werden. „Der Bürgermeister aus dem goldenen Käfig“ wird es bald heißen.

„Nur weil ich bald in diesem Haus wohne, hebe ich doch nicht ab“, erwidert Ahlhaus. „Ich will ein Bürgermeister zum Anfassen sein. Ich will die Menschen in Billstedt nicht nur verstehen, sondern mich um sie kümmern.“ Satt große Visionen zu „schaffen, wolle er Probleme lösen, vor Ort sein, statt sich berichten zu lassen.



Ahlhaus versucht erst gar nicht, den aristokratischen Hanseaten à la Dohnanyi oder Voscherau zu mimen. Das würde ihm eh keiner abnehmen. Deshalb versteckt er auch nicht, dass er eher für den HSV als für St. Pauli ist. Und dass Sport aus seiner Sicht sowieso Mord ist, erst recht nicht: „Kochen, ein Glas Wein und Fernsehen – das ist für mich der perfekte Sonntagabend.“ Zuletzt brutzelte er Rouladen. „Wenn ich koche, gibt es eher was Leichtes“, sagt sie – und bekommt für diese Spitze ein liebevolles Bussi auf die Nasenspitze.



Modisch schwankt sie zwischen Secondhand-Shop und Peek&Cloppenburg, er kauft Anzüge von der Stange. Und besonders gerne sind sie ausgerechnet in der Schanze, wo er die meisten Gegner hat – und sie als führende Angestellte eines Luxusmaklers viele finden könnte.



Von den Gegensätzen dort schwärmen beide, vom Flair und von schönen Restaurants. „Ich weiß, dass man mir das nicht zutraut, aber ich finde so was cool“, sagt Ahlhaus. Deshalb auch der Treffpunkt in „Erika’s Eck“.



„Ich bin auch nicht dafür, dass Spekulanten Stadtteile zerstören. Hamburg soll aber auch wachsen und sich dynamisch entwickeln können, ohne dass es zum Disneyland für Touristen wird.“ Auch verspricht er, historische Bausubstanz besser zu schützen und ordert einen zweiten Pott Kaffee.



Viel politischen Spielraum hat er aber nicht, weil er an den Koalitionsvertrag gebunden. Sein Ziel ist, die Hamburger für sich zu gewinnen. Hartnäckig kann er sein: Nach dem Schnaps auf Sylt brauchte es noch mehr als ein Jahr, um Simone zu überzeugen. „Dann habe ich in drei Tagen entschieden: Den heirate ich.“



2006 war die Hochzeit. Werte und Traditionen, das sei ihnen wichtig. Und Familie. Auch eine eigene wollen sie. „Und die sollte nicht so klein sein, damit nicht schlimmstenfalls ein verwöhntes Balg bei rauskommt“, sagt Ahlhaus.



Sie schwärmt davon, sich bei ihm komplett fallen lassen zu können. Und beschwert sich darüber, dass er mit drei Stunden Schlaf auskommt und dann, nachdem er alte „Derrick“-Krimis auf DVD geschaut hat, noch mitten in der Nacht Urlaubspläne schmieden will. Ein kleiner Kontrollfreak sei er auch. Aber das sei, ganz ehrlich, das Einzige, was an ihm nerve. Das muss er jetzt den Hamburgern beweisen.

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Datum:  6.8.2010
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