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Online-Speed-Date mit einem Penis

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Foto: Sun

Gut zehn Minuten hat es gedauert, bis ich den ersten schrägen Vogel erwischt habe: In einem der beiden Fenster auf meinem Bildschirm hat es sich junger Mann auf dem Bett bequem gemacht und bearbeitet seinen erigierten Penis. Ich sehe mein säuerliches Lächeln im zweiten Fenster, versuche zu überspielen, dass ich mir etwas dämlich vorkomme. "Hi there", tippe ich in das Texteingabefeld. Der Bildschirm wird schwarz. "Your partner has disconnected", lautet der nüchterne Kommentar, den die Webseite automatisch einblendet. Tja.



"Die Webseite" - das ist einer der skurrilsten Hypes, die derzeit durchs Internet geistern: Chatroulette, das Portal eines 17-jährigen russischen Schülers (siehe Infokasten). Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie genial: Hier werden nach dem Zufallsprinzip Teilnehmer zum Chat zusammengewürfelt. Im oberen der beiden Videofenster sieht man den Partner, im unteren sich selbst. Man unterhält sich per Texteingabe oder per Videochat. Wer keine Lust mehr hat, drückt auf die Taste F9 - und wird in Sekundenschnelle mit dem nächsten Partner verbunden: ein bizarrer Mix aus Blind Date und Speed Dating.



Wer will, kann Kamera und Mikrofon auch abschalten - was diesem sozialen Experiment aber einen Großteil seines Reizes nimmt: sich wildfremde Menschen aus aller Welt virtuell ins eigene Zimmer zu holen, um mit ihnen ein paar Minuten Lebenszeit zu teilen. Menschen, die man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals wiedersehen wird.



Daher ist es den jungen Slackern aus Montreal auch herzlich egal, dass ihr 100-Gramm-Beutel Gras deutlich sichtbar im Blickfeld ihrer Webcam liegt. "Wir schauen gerade Olympia" tippt der eine versonnen grinsend, während der andere einen Joint dreht. "Ihr Deutschen räumt ja ziemlich gut ab!" Man wünscht sich gegenseitig noch viel Spaß und schaltet weiter.



Die totale Anonymität macht Chatroulette natürlich zur perfekten Spielwiese für Exhibitionisten ebenso wie für Voyeure: Wenn einen eh keiner kennt, kann man sich auch mal richtig gehen lassen. Dementsprechend hoch ist die Quote an onanierenden Jungmännern. Wer sich länger als eine Stunde von einem Gesprächspartner zum nächsten klickt, hat gute Chancen, mit vier bis fünf Erektionen Bekanntschaft zu machen. Masturbierende Frauen sind deutlich seltener.



Mal sehen, wer als Nächster kommt. F9: Kichernde Teenies, schätzungsweise 14, offenbar betrunken. Sie klicken mich weg. F9: Ein Nordire, der in einer Kaserne bei Osnabrück aufwuchs. F9: Ein Franzose, der bald ein Online-Musikmagazin startet. F9: Schon wieder ein Penis.









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Datum:  2.3.2010
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