Es ist das vielleicht düsterste Album der Rockgeschichte, das Lou Reed 35 Jahre nach Veröffentlichung am Sonntag in Gänze aufführte: "Berlin", seine dritte Soloplatte, ist wohl auch deshalb ein am Publikum weitgehend gescheitertes Werk.
Gerade mal zur Hälfte gefüllt ist der Saal 1 des CCH, voll hingegen die Bühne: Ein zwölfköpfiger Mädchenchor, ein siebenköpfiges Ensemble aus Streichern und Bläsern, dazu acht Musiker an Gitarren, E-Celli, Keyboards sowie Drums und natürlich Reed selbst inszenieren das depressive Epos riesengroß, mächtig und rockig.
Von der Decke baumelt ein grünes Sofa herunter. Über der chinesischen Tapete, die eigens von dem New Yorker Maler und Kult-Regisseur Julian Schnabel ("Schmetterling und Taucherglocke") entworfen wurde, flimmern je nach Song-Belang rekonstruierte Alltagsfilme. Denn schließlich erzählt das Konzeptalbum die Geschichte des Junkie-Pärchens Jim und Caroline in der geteilten Stadt.
Ausgerechnet mit einem bayrischen "Prosit der Gemütlichkeit" fängt es im Titelstück noch ganz munter an. Bald schon halten Gewalt und Drogen Einzug in die musikalische Story. Der weiblichen Hauptfigur werden die Kinder weggenommen, sie nimmt sich das Leben, alles mündet in den bombastischen "Sad Song", der durch die hinreißend unschuldigen Chorstimmen einen Funken Hoffnung lässt. Reed und Sidekick Steve Hunter, der ihm schon 1973 zur Seite stand, verlieren sich selbstverliebt in endlosen E-Gitarrensalven.
So schwillt das 55-minütige Werk zu teils wenig aufregenden 90 Minuten an. Doch am Ende bleiben Standing Ovations und eine davon losgelöste Zugabe, die mit "Power Of The Heart" auch einen vertonten Heiratsantrag beinhaltet. Passt schon: Reed selbst ehelichte erst im April Kollegin Laurie Anderson.