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CASTOR-ALARM IM WENDLAND

Zu Besuch bei »Familie Widerstand«

Gorleben, 115 Kilometer südöstlich von Hamburg. Ab morgen ist das kleine Dorf landesweit in den Nachrichten. Die Atomindustrie will hier mal wieder ihren Müll loswerden. Der Castor rollt - und Tausende demonstrieren dagegen.



Auch die 82-jährige Lilo Wollny. Sie ist eine Ikone des Atomwiderstands - und gleichzeitig Oberhaupt der schrägsten Demo-Familie des Wendlands, wie die Gegend hier heißt. Während sie Widerstand organisierte, heirateten ihre Töchter Soldaten. Ein Sohn schuftete kurze Zeit in einer Uranmine und für den 12-jährigen Enkel sind Großdemonstrationen das Normalste von der Welt. Gemeinsam geht die ganze Familie heute auf die Straße - als Zeichen, dass der Atom-Protest die Generationen vereint.



Lilos Tochter Carmen (42) erinnert sich noch genau an die Zeit, als sie zur "Aussätzigen" wurde. Schuld war ihre Mutter - oder, je nach Sichtweise, die Atomindustrie. Letztere plante 1977 ein Endlager für Atommüll, quasi um die Ecke. "Gibt es noch ein anderes Gorleben außer unserem?", fragten sich die Wollnys damals. Gab es nicht. Und über Nacht wurde aus der unbedarften Hausfrau Lilo die erbittertste Gegnerin der Atomlobby. "So eine gigantische Anlage in unserem Paradies, das war ein Schock." Seit ihrer Kriegskindheit im bombengeplagten Hamburg-Wilhelmsburg war das Wendland für Wollny der Himmel auf Erden.



Also las Wollny alles über Kernkraft und gelangte zur Erkenntnis: "In diesem Punkt gibt es keine Neutralität. Wer sich nicht wehrt, ist mitverantwortlich."



Doch die Mehrheit im Ort tickt damals anders. "Ständig gab es Ärger und Unverständnis, weil ich die Schule schwänzte und auf Demos statt in die Disco ging", erinnert sich Carmen. Mutter Lilo berichtet von zerstrittenen Familien.



Zu Hause bei den Wollnys wurde nur noch über Politik geredet. "Meine Eltern haben Atomkraftgegnertum gelebt", sagt die ältere Tochter Erika (62), die trotzdem einen Soldaten heiratete und heute für die deutsche Bundeswehr in Amerika arbeitet. Auch Carmen heiratete einen Soldaten, wohnte viele Jahre im Ausland.



Seit einem Jahr ist sie zurück und "will wieder in den Protest einsteigen". Zwischendurch sei der zwar ein bisschen eingeschlafen. "Aber jetzt ist die Stimmung umgeschlagen, nach dem Asse-Skandal haben alle mitbekommen, worum es geht." Für Carmens Sohn Marcel ist Protest ganz normal. "Natürlich gehe ich demonstrieren", sagt der Zwölfjährige.



Tausende Kilometer weiter westlich in Saskatoon, Kanada, ist dagegen Uranabbau völlig normal. Die Gegend, in der Lilos Enkel Jens (29) arbeitet, wurde reich damit. "Wir verdienen am Uran, die Leute in Gorleben müssen den Mist dann ausbaden", sagt Jens. Sein Vater, Lilos Sohn Herbert, arbeitete sogar mal in einer Uranmine. "Das habe ich gehasst", sagt die alte Dame, die Ende der 80er Jahre für die Grünen im Bundestag saß. Umso froher ist sie, dass Enkel Jens (29) kompromisslos ist. "Ich arbeite in Salzminen. Glaubt niemandem, der behauptet, diese Dinger seien sicher, um Plutonium zehntausende Jahre zu lagern."



Trotzdem ist auch Oma Lilo unsicher, ob ihr Protest am Ende erfolgreich sein wird: "Wie lange werden die Menschen hier noch durchhalten, wenn der Staat mit Millionenzahlungen als Ausgleich für ein Endlager lockt?"



Lilo Wollny ist eine Ikone des Atom-Widerstands im Wendland



Atomkraftgegner haben sich gestern von drei Bahnbrücken bei Lüneburg abgeseilt und die Regionalbahnstrecke nach Dannenberg fünf Stunden lang blockiert. Die Aktivisten der Umweltschutzorganisation Robin Wood wollten gegen den am Wochenende erwarteten Atommüll-Transport nach Gorleben protestieren. Polizisten mit Bergsteigerausrüstungen holten die Kletterer aus den Seilen.

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Datum:  7.11.2008
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