Wirklich jede Diskussion über Jazz ist gut, denn sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Musik." Nein, in den Streit zwischen Alter und Neuer Welt über den "wahren" und den "verpoppten" Jazz mag sich Cassandra Wilson nicht einmischen. Ja, während manche ihrer US-Kollegen wie Branford Marsalis auf die neuen Stars der europäischen Szene, allen voran das Schweden-Trio EST, verbal eindreschen, entlockt der Name Esbjörn Svensson der Sängerin nur ein Schulterzucken: "Wer ist das?" Und überhaupt, diese ewigen Streitereien über die Definition von Jazz: "Es ist das Fundament, auf dem ich mich bewege" - nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Schließlich hat die oft als unnahbar gescholtene dunkle Stimme schon früh die Grenzen gesprengt, hat in ihre Musik über Jazz und Blues hinaus ein ganzes amerikanisches Jahrhundert populärer Klänge aufgenommen: Swing, Funk, Bossa und Pop. "Mein Ziel ist, das Songbook des Jazz zu erweitern - damit der Jazz am Leben bleibt." Und dafür hat sich "Amerikas beste Sängerin" (diese Goldmedaille verlieh ihr das "Time Magazin") nicht nur ihrer undurchdringlichen Coolness und Divenhaftigkeit entledigt, sondern interpretiert jetzt auf ihrem Album "Thunderbird" auch den Mississippi-Delta-Blues ganz neu und ungemein groovig. "Jazz ist eben auch immer Spiegel des Zeitgeistes - gerade in Zeiten politischer Unzufriedenheit."
Und Letztere sei derzeit mal wieder groß in den Staaten, denn "Bush ist ein solcher Idiot, dass inzwischen immer mehr Menschen ihre Stimme gegen diese Regierung erheben - perfekt für den Jazz, der damit aus einem großen Fundus schöpfen kann." Schließlich gehe es angesichts solcher "Minderbemitteltheit" darum, der Welt ein anderes Amerika-Bild zu bieten. Was mit der Ausstrahlung dieser alterslos schönen Frau und den aufregenden, glockenreinen Tönen ihres farbprächtigen Kontra-Alts kein Problem sein sollte ...
Zumal es bei Jazzsängerinnen wie bei Rotwein ist: Mit den Jahren werden sie immer besser. Die 50-Jährige lacht aus tiefster Dunkelheit. "Ja, die besten Jahre liegen wohl noch vor mir, denn natürlich fließen die im Laufe der Jahre gesammelten Erfahrungen in Musik und Emotionen ein, so dass die Interpretationen authentischer werden." Was für die Zukunft noch einiges erwarten lässt - ohne dass Cassandra Wilson darüber schon einen Gedanken verlieren würde. "Im Augenblick ist für weitere Pläne kein Platz in meinem Kopf."