Es sind genau 80 Sekunden. Eine endlos lange Minute und 20 Sekunden, in denen Sandra Hartig in der Warteschleife der Feuerwehr warten muss, bis sie ihren verzweifelten Notruf abgeben kann. Um 4.25 Uhr am Sonnabendmorgen brennt ihr Reihenhaus am Lüttkamp bereits lichterloh, aber niemand nimmt ihren Anruf unter 112 entgegen. "Es kam mir vor wie fünf Minuten. Wieso ging die Feuerwehr nicht ran?", fragt die 38-Jährige.
Sandra Hartigs Mutter Elke Z. (58) wird bei dem Feuer schwer verletzt. Sie liegt mit Verbrennungen, Knochenbrüchen und inneren Verletzungen im Krankenhaus. Wahrscheinlich wird sie das Unglück nicht überleben. Es ist das Werk eines unheimlichen Feuerteufels. Er sorgt für Angst und Schrecken in Lurup, legt innerhalb von 37 Minuten vier Brände (MOPO am Sonntag berichtete).
80 Sekunden Warteschleife - eine Notruf-Panne? "Aus Sicht von Frau Hartig mag es sich so dargestellt haben. Aber wir sind rechtzeitig ausgerückt und waren rechtzeitig an der Einsatzstelle", sagt Feuerwehrsprecher Martin Schneider. "Was sie nicht wissen konnte, war, dass wir schon längst unterwegs waren, als sie noch in der Warteschleife war." Acht Beamte saßen am Sonnabendmorgen in der Einsatzzentrale, um Notrufe entgegenzunehmen. Rufen also mehr als acht Menschen an, landen die übrigen Anrufer in der Warteschleife. Schneider: "Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass acht Kollegen in den Nachtstunden ausreichend sind."
Unterdessen sucht die Polizei den Brandstifter (Hinweise an Tel. 428656789). Bevor er sich am Lüttkamp zu schaffen macht, hat er bereits ein Motorrad und einen Motorroller an der Spreestraße und eine Abdeckplane eines weiteren Motorrades an der Katzbachstraße angezündet. Später geht auch noch ein Baulastenaufzug an der Franzosenkoppel in Flammen auf. Die Polizei findet später einen Ölkanister. Alle Tatorte liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt.
Kurz vor 4.25 Uhr zündet der Feuerteufel in der Reihenhaussiedlung am Lüttkamp die Mofas vor Sandra Hartings Fenster an. Die Hitze ist so stark, dass Rauch und Flammen nach innen schlagen.
"Meine Hündin Dina jaulte und hat mich so geweckt", sagt Sandra Hartig. Anschließend ruft sie nach ihrem Sohn Kevin (15) im ersten Stock, in dem auch ihre Mutter schläft. "Hol Oma!"
Im Erdgeschoss weckt die 38-Jährige ihre Tochter Michelle (10) und deren Freundin. Immer wieder rufen sie nach Elke Z. Doch die zieht sich offenbar noch um. Sekunden später versperren Flammen den Fluchtweg über das Treppenhaus.
Der einzige Ausweg ist das Fenster. Die 58-Jährige springt. Sandra Hartig: "Ich werde ihre Schreie nie vergessen."