Claudia P. (35) und Stefan A. (44) sind das, was man "Mittelschicht" nennt. Sie wohnen in Groß Borstel, Mittelstandsgebiet. Sie fahren kleine Volkswagen. Sie verdienen gut, zusammen 7500 Euro brutto. Sie kaufen mal bio, mal Aldi. Sie leben in einer 83-Quadratmeter-Wohnung. Ihr Fernseher ist 16 Jahre alt. Sie sind politisch "Mitte". Und doch sagt Claudia P.: "Zum ersten Mal verstehe ich dieses System nicht."
Schuld hat der Senat. Für den sind sie "Besserverdiener". 108 Euro soll das Paar deshalb mehr für die Kita von Tochter Aenne (2) zahlen, bald mehr als 500 Euro im Monat. Höchstsatz. Steuern, Rente, Gesundheit, überall zahlen sie Höchstsatz.
Natürlich ist den beiden klar, dass es vielen finanziell viel schlechter geht. "Wir klagen auf hohem Niveau", sagt Stefan A. Aber darum geht es auch nicht. Denn am Ende, sagt er, bleibe auch bei ihnen nichts übrig für Essengehen oder Geschenke. Eine kaputte Waschmaschine oder eine Zahnkrone sind "finanzielle Katastrophen". Selbst sie fragen: "Können wir uns ein zweites Kind leisten?"
Einen wütenden Brief haben sie dem Senat geschickt, detailliert aufgelistet, wofür sie was ausgeben. Um zu zeigen, "warum eine zusätzliche Belastung nicht mehr tragbar ist. Ganz ehrlich: Es geht nicht mehr." Es ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Die Hauptposten der Familienbilanz machen neben der Wohnung Rückzahlungen für einen Bildungs- und Konsumkredit sowie die Kosten für zwei Autos und Sprit aus. Stefan A. pendelt zur Sparkassenakademie in Kiel, Claudia P. arbeitet 60 Prozent im Marketing. Der zweite Posten sind Produkte des täglichen Bedarfs.
Natürlich könne man nur bei Aldi kaufen. "Aber es ist doch komisch, wenn wir, die so gut verdienen, nicht auch mal auf den Markt gehen können. Für wen sind dann die Angebote?", sagt der Familienvater. "Für wen ist dieses Viertel, wenn wir bei einem zweiten Kind nach Wilhelmsburg ziehen müssen? Wer soll sich ein zweites Auto leisten können, wenn nicht wir?"
Es brodelt auch im Freundeskreis, alle leben auf vergleichbarem Niveau, und doch wird diskutiert: Was ist gerecht: "Entweder man ist reich, oder man muss knapsen. Wo ist die Mittelschicht?", fragt Claudia P.
"Sie schrumpft", sagt Stefan Grabke vom Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Seit 2000 um knapp vier Millionen Deutsche. Viele sind verarmt, einige auch reich geworden (siehe Tabelle). "Das Vermögen konzentriert sich am oberen Rand", sagt Grabke. So ist die relative Steuer- und Abgabenbelastung der wirklich Reichen sehr viel geringer als die von unserer Familie. Dazu kommen der Wegfall staatlicher Dienste, Gebührenerhöhungen, private Zusatzversicherungen. "Da leidet gerade die Mittelschicht", sagt Grabe.
Claudia P. und Stefan A. wollen niemandem vorwerfen, keine Kinder zu haben. Natürlich sind sie bereit, finanziell zurückzustecken. Ohne Kind würden sie 1000 Euro mehr als früher verdienen. Dazu kommen Zusatzkosten für Kita, Kleidung und vieles mehr. Ihr Brief an den Bürgermeister endet mit dem Satz: "Schon jetzt gehen wir jeden Monat an unser Erspartes. Hätten Sie gedacht, dass das die Lebenssituation eines sogenannten Besserverdieners ist?"