Seine Anspannung kann man sehen. Am verkniffenen Mund und an den Schläfen, wo zuweilen eine Ader pulsiert. Aber Roger Kusch weiß, wie es ist, durchs Fegefeuer zu müssen. An diesem Donnerstag lodert es im Konferenzsaal des Billstedter Panorama-Hotels, wo der ehemalige CDU-Justizsenator Wahlkampf für seine neue Partei "HeimatHamburg" macht.
Das heutige Motto: ein Peitschenknall. "Zucht und Ordnung" steht auf den Plakaten. Daneben sein Foto. "Lächelnde Guillotine" haben Kuschs Mitarbeiter ihn früher genannt. Das mag an den Augen liegen, die manchmal so wirken, als wolle er nur mal geknuddelt werden, und einen im nächsten Moment frösteln lassen.
Guy Seidel (25) ist Kuschs rechte Hand und ein wenig nervös. Gerade spricht er mit der Polizei. "Wir haben weitere Kräfte vor Ort", so ein Beamter. Und er weiß, er wird sie brauchen. Denn sie sind wieder da. "Mitglieder des schwarzen Blocks", wie Seidel sie nennt. 20 Teenies mit Kapuzenpullovern. Mädchen mit breitem Lidstrich, Jungs mit Skateboard. Für sie ist Kusch mit seiner schlichten Haudrauf-Philosophie (siehe unten) das ideale Feindbild. Ein Mix aus Schäuble und Bush, nur besser, weil man ihm direkt auf die Nerven gehen kann.
Zunächst setzen sie sich brav neben die 40 zumeist grauhaarigen Bürger, die hören wollen, was der Hardliner zu sagen hat. "Zucht und Ordnung" - das war für sie selbstverständlich, "und das würde uns heute auch guttun".
Dann beginnt die Show. Er kommt. Energische Schritte zum Mikro. Donnernder Applaus, hauptsächlich von den Teenies. "Na, so ein Zulauf", sagt Kusch. "Ich begrüße sie alle ganz herzlich." Ein Mädchen, das vor ihm auf dem Boden sitzt, lässt sein Handy Punkrock spielen. Jetzt werden auch die Grauhaarigen unruhig: "Ihr Lümmel!", ruft einer. "Warum lässt man die rein?"
"Zucht und Ordnung", holt Kusch aus. "Ein CDU-Politiker sagte mir dazu: ,Du gehst zu weit.'" Das sei Nazideutsch. Er greift zur Bibel: "Lassen Sie mich meinen Konfirmationsspruch zitieren. Paulus sagt: ,Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht.'" "Laaangweilig", ruft ein Kapuzenträger. "Paulus war ein Nazi-General", ein anderer. Ein Luftballon platzt, das Handy plärrt, Kusch ist zerknirscht.
So geht das eine Weile, bis es dem Gastgeber zu bunt wird. "Ich breche jetzt ab", sagt Kusch. Polizisten kommen, eskortieren die Teenager nach draußen.
Zeit zum Durchschnaufen. Renate Lehar (72) aus Horn ist gekommen, weil sie Kusch interessant findet: "Ich bin mehrfach überfallen worden. Wir brauchen Politiker, die hart durchgreifen."
Wie Kusch sich das vorstellt, erläutert er dann im Rahmen einer "geschlossenen Veranstaltung". Die U3 sei ein Tummelplatz von "Halbkriminellen", niemand kümmere sich darum. Und wenn "türkische Jugendliche" in der S-Bahn schamlos die Füße auf die Sitze legen, dann sei deren Karriere als Schwerverbrecher absehbar. "Und was macht von Beust? Er kippt bei Hagenbeck Elefantenbabys Kokosöl über den Kopf!"
So donnert der Zuchtmeister mit den traurigen Augen aufs Publikum ein, zeichnet die schwarz-grüne Koalition als justizpolitisches Armageddon und verkündet: "Es heißt, man müsse Angebote für Jugendliche schaffen. Ich habe eines - es hat Gitter vor den Fenstern!"
Bei so viel Furor ist das verbliebene Publikum zu verschreckt, um zu klatschen. Ein Zuhörer meldet sich zu Wort: "Der Hartz-Skandal, Abzockermentalität - die Politiker sind den Jugendlichen doch schlechte Vorbilder!" Kusch antwortet gefasst: "Ich halte nichts von Pauschalurteilen." Er muss dabei nicht mal lachen ...
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