Er hat ganz viele Lachfältchen, seine Augen gucken vergnügt und freundlich. Das Leiden, es hat im Gesicht von Zwi Helmut Steinitz (80) keine Spuren hinterlassen. Der alte Herr aus Israel ist Überlebender des Holocausts, mehrfach wurde er von den Nazis deportiert. Im Hauptbahnhof hat gestern der Ausstellungswaggon "Zug der Erinnerung" eröffnet - und Zeitzeugen wie Zwi Steinitz haben ihre Geschichte erzählt.
Schon seit mehreren Monaten fährt die historische Dampflok quer durch die Republik, in 43 Städten hat sie bereits angehalten. Bis Sonnabend ist Stopp in Hamburg. Die mobile Ausstellung erinnert an die Schicksale von mehr als einer Million Kinder und Jugendlichen, die von den Nazis mit der Reichsbahn in Konzentrationslager - und damit in den Tod befördert wurden.
Zwi Steinitz, der Mann mit den vergnügten Augen, steht im Hauptbahnhof und schaut auf den "Zug der Erinnerung" mit seinen drei Abteilen. "Ich hatte damals nicht die Ehre, mit einem solchen Zug zu fahren. Mich steckten sie in Viehwaggons", sagt er. Gleich fünf Mal zwangen ihn die Nazis in die Deutsche Reichsbahn. Die Zustände dort - katastrophal.
"Bis zu 100 Menschen waren in einem Abteil. Es war so eng und voll, dass man kaum Platz zum Stehen hatte", erinnert sich Zwi Steinitz. In ihrer Not stellten sich die Insassen nicht nebeneinander, sondern Brust an Rücken auf. So kamen sie mit beiden Füßen auf den Boden.
Als besonders qualvoll empfand Zwi Steinitz den Transport von Gleiwitz nach Buchenwald im Januar 1945, ebenfalls im offenen Viehwaggon. "Stehend zusammengepfercht, ohne Bewegungsmöglichkeit, standen müde und ausgehungerte Menschen tagelang in den offenen Waggons", sagt er. Doch er hatte Glück, er überlebte den Nazi-Terror. Seine Eltern und sein Bruder nicht. Sie wurden am 1. Juni 1942 vom Sammellager deportiert. "Es war der Tag meines 15. Geburtstags. Es verfolgt mich noch heute", sagt der alte Herr.
Auch Steffi Wittenberg (82) aus Niendorf ist gestern zur Ausstellungseröffnung gekommen, auch sie hat eine traurige Geschichte zu erzählen. Sie konnte der Deportation durch Flucht nach Uruguay 1939 zwar entkommen, aber vielen Klassenkameradinnen, Nachbarn und Bekannten blieb dieses Schicksal nicht erspart.
"Als ich 1951 zurück nach Hamburg kam, war gerade noch eine Freundin da", sagt die Hamburgerin. Ihre Freundin Ingrid - im November 1941 mit Familie nach Minsk (Weißrussland) deportiert. Der Nachbarsjunge Fredy - im Oktober 1941 nach Lodz (Polen) deportiert. Ihre Englischlehrerin Lilli Freimann - im Juli 1942 nach Auschwitz deportiert. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Steffi Wittenberg engagiert sich trotz ihres hohen Alters weiter gegen das Vergessen. Sie sagt: "Der ¸Zug der Erinnerung` soll uns mahnen, die in Hamburg lebenden Kinder zu schützen. Inländer und Ausländer, mit und ohne Religion: Sie sollen hier in Frieden und mit guter Ausbildung leben. Das sind wir den Opfern, die wir in der Ausstellung ehren, schuldig."