Gegen Kinder an sich habe er nichts, beteuert Heiko Ulrich (39). Trotzdem klagt er vor dem Landgericht gegen den Naturkindergarten "Kokopelli", der auf seinem Nachbargrundstück im Berner Wald eine Wetterschutzhütte gebaut hat. Die Kinder und ihre Betreuer würden das Häuschen auch bei gutem Wetter nutzen, beschwert sich der Internethändler. Gestern fand der erste Gerichtstermin statt - ohne Einigung.
23 Jungen und Mädchen in Regenkleidung tollen durch das nasse Laub und bearbeiten abgefallene Äste mit Kinderwerkzeug. "Die Laubfrösche" nennt sich die wetterfeste kleine Truppe, die hier von 9 bis 13 Uhr betreut wird. 13000 Quadratmeter Wald gehören der Rudolf-Ballin-Stiftung, die 15 Kindergärten in Hamburg betreibt. Durch die Bäume sieht man das große Panoramafenster von Heiko Ulrich. Dem allein stehenden Mann gehts ums Prinzip: "Das ist eine Schutzhütte, in der dürfen keine Kindergeburtstage, keine Übernachtungen, keine Elternabende stattfinden. Die betreiben da aber eine normale Kita und verstoßen gegen die Nutzungsgenehmigung. Mit Kinderhass hat das nichts zu tun."
Heiko Ulrich, der im Internet Textilien verkauft, hat minutiös aufgeschrieben, wann die Kinder sich in der Nähe des Hauses aufgehalten haben "obwohl das Wetter gar nicht widrig war":
- 4. August 2004: "Kinder durchgehend am Haus, urinieren zu unserem Grundstück."
- 6. August, 12.30 Uhr: "Kinder werden mit Wasserschlauch abgekühlt - sehr laut!"
- 9. August, 10 bis 14 Uhr: "Wasserspiele, ständig am Haus."
- 1. November 2004, ab 16.45 Uhr: "Laternenumzug, Lichterketten - Eltern und Kinder!"
- 2. November 2004 ab 13.45 Uhr: "Privater Kindergeburtstag."
Vor Gericht lässt er seine Anwälte von "Emissionslärm im Landschaftsschutzgebiet" sprechen. Angelika Böttcher, deren Tochter Lara (3) zu den "Laubfröschen" gehört, ist entsetzt: "Wie furchtbar, dass Kinder nach Dezibel berechnet werden." Harald Clemens (52), Geschäftsführer der Ballin-Stiftung, hofft auf Signale aus der Politik: "Es kann doch nicht sein, dass Kindern das Spielen im Wald verboten wird!"
Tatsächlich ist die Hamburger Politik durch das Marienkäfer-Urteil (s. Infokasten) aufgeschreckt: Der SPD-Vorsitzende Mathias Petersen hat den Senat aufgefordert, umgehend alle betreffenden Gesetze zu ändern, damit Kinderlärm nicht mehr als Belästigung gewertet wird. Und Christian Maaß (GAL) kündigte an, einen überarbeiteten Entwurf für ein Kinderlärmgesetz vorzulegen. Heiko Ulrich und seine Nachbarn werden sich am 13. Dezember zu einem Gütegespräch treffen.