Sie beleidigt, bedroht, beschimpft. Ihre Opfer sind Nachbarn und Freunde genauso wie Wildfremde. Wer einmal ins Fadenkreuz ihres Hasses geraten ist, dem gnade Gott. Den bringt Cornelia S.* aus Dulsberg per Telefon an den Rand des Nervenzusammenbruchs. 80 Strafanzeigen liegen gegen die 58-jährige psychisch kranke Frau schon vor. Aber da sie lediglich telefoniert, niemanden körperlich attackiert, kann die Polizei nichts tun.
Ulrike* (58) und Stefan B.* (51) aus Bergedorf – zwei, die derzeit am meisten unter Cornelia S. leiden. Allein in den zwei Stunden, die der MOPO-Reporter zu Besuch ist, klingelt das Telefon 35 Mal. Die Anruferin redet wirres Zeug: „Der Onkel aus Österreich und die Tante aus Kanada sind eingetroffen. Jetzt decken wir all eure Intrigen auf. Das Maß ist voll.“ Und wer lacht, wie es der MOPO-Reporter tut, dem faucht sie zu: „Das Lachen wird euch bald vergehen.“
Ulrike B., die seit März täglich bis zu 100 Anrufe ertragen muss, ist dem Nervenzusammenbruch nahe. Der Psychoterror hat Spuren hinterlassen: Wenn das Telefon klingelt, bricht sie in Tränen aus. Ein Arzt attestierte ihr kürzlich, dass sie „hochgradig psychisch angegriffen“ sei. Stefan B. versucht, seiner Frau eine Stütze zu sein, aber auch er ist am Ende seiner Kraft.
Die Energie, mit der Cornelia S. vorgeht, ist unfassbar. 59 Seiten lang ist der Einzelverbindungsnachweis ihres Telefonanschlusses allein für Juli. 3454 Anrufe hat sie innerhalb von vier Wochen getätigt. Dass es immer wieder Ulrike und Stefan B. trifft, hat einen Grund: Tochter Barbara (32) wird in Kürze Jens, den Sohn von Cornelia S., heiraten. Stefan B.: „In ihrem Wahn fürchtet sie wohl, dass wir ihr das Kind wegnehmen.“
Für Jens ist es eine schwere Bürde, solch eine Mutter zu haben. „Mir hat sie schon die Polizei auf den Hals gehetzt und dafür gesorgt, dass ich am Arbeitsplatz einer Leibesvisitation unterzogen wurde. Sie bringt es fertig, mich heute zu beschimpfen und mich morgen am Telefon zu fragen: ,Wie geht’s dir, mein Sohn?‘ So, als wäre nichts vorgefallen.“ Wenn sein Handy klingelt und keine Nummer erscheint, hebt Jens nicht mehr ab. „Aber morgen ist mein Urlaub zu Ende. Und ich habe Angst, zur Arbeit zu gehen. Denn dann habe ich sie wieder in der Leitung.“
Um den Terror zu beenden, haben er und seine künftigen Schwiegereltern alles versucht: Sie beantragten eine einstweilige Verfügung, stellten Strafanträge. Vergeblich. Cornelia S. leidet an Schizophrenie. Und das ist wie ein Freibrief. Paragraf 20 Strafgesetzbuch sagt: „Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung einer Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung unfähig ist, das Unrecht dieser Tat einzusehen.“ Das Gesetz schützt Cornelia S. „Aber, bitte, wer“, fragt Stefan B., „schützt uns?“
Der Terror geht weiter. Das Ehepaar B. hat sich eine Geheimnummer geben lassen. Genutzt hat es nichts. „Nach nicht mal 24 Stunden hatte sie die raus.“ Inzwischen ist auch klar, wie ihr das gelungen ist: mithilfe eines Privatdetektivs. „Ich sollte Informationen über Personen beschaffen“, sagt Alfred M., „von denen sie angeblich um eine Erbschaft betrogen worden war.“ Davon, dass seine Auftraggeberin krank ist, hat der Ermittler nichts bemerkt. Das wurde ihm erst klar, als er die Zahlung seines Honorars anmahnte. Seither wird auch er mit wütenden Anrufen bedacht. (ow)
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