Zusammengekauert sitzt Ruth Fischer in ihrem Rollstuhl. Die 93-Jährige ist eigens für eine große Ausstellung mit Werken Hamburger Exilkünstler aus Amsterdam in ihre Geburtsstadt gereist. Sie freut sich, ihre pointierten Zeichnungen der "Besatzer in Amsterdam" zu sehen. Als 26-Jährige floh die Schülerin von Eduard Bargheer zu ihren Eltern nach Amsterdam, wo sie noch heute lebt. Ein Schicksal, das sie mit vielen Künstlern während der Nazi-Diktatur teilte.
Nach 1933 emigrierten sie ins Ausland und hinterließen eine riesige Lücke in Hamburgs Kulturlandschaft. Das Hamburgmuseum erinnert jetzt an alle 64 Künstler, die vor den Nazis flüchten mussten: "Geflohen aus Deutschland - Hamburger Künstler im Exil 1933-1945" heißt die Schau, die Gemälde, Keramiken, Fotos, aber auch ausführliche Lebensläufe zeigt.
Während Ruth Fischer über 35 Einzelausstellungen in den Niederlanden, in Deutschland oder Israel hatte, blieb sie in Hamburg unbekannt. Auch Gert Marcus, 92, aus Stockholm angereist, schaffte nach seiner Flucht in Schweden den Neustart als Bildhauer. Damit gehört er zu einer Minderheit. "Die meisten Künstler wurden systematisch entkapitalisiert", so Kuratorin Maike Bruhns, und kämpften ums nackte Überleben.
Seit 18 Jahren arbeitet die Kunsthistorikerin bereits an dieser "Schnittstelle von Kunst und Geschichte". Denn, so Bruhns, "diese Zeit wird gern verdrängt, und die Künstler sind es, die uns dies am besten vor Augen führen." Wie Roma Geber, 84, die 1938 nach Polen deportiert wurde, 1939 nach Hamburg zurückkam und 1941 nach Argentinien gelangte. Erst Ende der 60er begann sie zu malen - um ihre Depression wegen der Erinnerungen an die Deportation zu therapieren. Mit ihren Schilderungen des Ausgegrenztseins wurde sie in Argentinien bekannt, in Hamburg nicht.