Kam er als blinder Passagier in einem stickigen Container? Oder wurde er über den Landweg durch Schlepper nach Deutschland gelotst? Niemand weiß es. Doch Anfang Mai hatte Achmed (16) es endlich bis nach Hamburg geschafft. In St. Georg brach der Jugendliche aus Palästina mitten auf der Straße mit einem epileptischen Anfall zusammen. Seitdem wurde er in einer endlosen Odyssee von Ärzten und Behörden durch die Stadt gejagt. Nun will die Ausländerbehörde den Teenager in ein Lager nach Mecklenburg-Vorpommern abschieben. Und die Sozialbehörde spielt mit.
Achmed ist 16 Jahre alt und äußerlich ein ganz normaler Teenager. Er trägt Jeans und Turnschuhe - und er hat seine Träume. Er möchte unbedingt einmal Klavierspielen lernen. Doch eins unterscheidet ihn gewaltig von anderen Teenagern: Achmed ist vor den Bomben im Gaza-Streifen geflohen, seine Eltern sind tot. Alles, was er besitzt, trägt er am Körper. Nur mit ein paar Brocken Englisch gelingt es ihm, sich in Hamburg zu verständigen.
"Im AK St. Georg ist seine Epilepsie festgestellt worden", berichtet Burkhard Werner vom Café Exil. "Die Ärzte verordneten ihm eine engmaschige ambulante Behandlung." Doch bei einem Facharzt flog er gleich wieder raus - weil er keine Krankenversicherung hat.
Das Café Exil half Achmed, einen Schlafplatz zu suchen. "Doch der Kinder- und Jugendnotdienst wollte ihn nicht aufnehmen", so Werner. Stattdessen wurde er zur Asylunterkunft Bibby Altona verfrachtet. Und die Ausländerbehörde legte ihm einen Asylantrag vor. Werner: "Und dann hieß es, jetzt muss er mit einem Zugticket ausgestattet in die Asylunterkunft nach Horst in Mecklenburg." Denn in den kleinen Ort bei Boizenburg kommen bald alle Hamburger Flüchtlinge.
In Horst kam Achmed aber nie an. Stattdessen schlief er mehrere Nächte auf der Straße, bis er wieder im Café Exil landete. "Wir brachten ihn dann zum Jugendamt Eimsbüttel." Auch dort holte sich Werner einen Korb. Als letzten Anker versuchte das Café Exil es am Familiengericht Mitte. Dann die Erleichterung: Der Familienrichter empfahl eine Aufnahme beim Kinder- und Jugendnotdienst.
Und erst mit diesem Schreiben wurden Achmed dort endlich die Türen geöffnet. Seit zwei Wochen ist der Jugendliche nun in einer speziell für minderjährige Flüchtlinge vorgesehenen Einrichtung. Sie hat 25 Plätze und bisher sind in diesem Jahr erst sechs Flüchtlingskinder ohne Familie nach Hamburg gekommen. Im Café Exil versteht niemand, warum das Jugendamt ihn nicht gleich dort aufnahm. Achmed bekommt nun geschulte pädagogische Unterstützung und war bereits beim Arzt. Die Diagnose: Er muss auf neue Medikamente eingestellt werden und darf vier Wochen nicht reisen. Endlich könnte der junge Flüchtling etwas zur Ruhe kommen. Doch die Ausländerbehörde besteht darauf, ihn ins Auffanglager zu schicken.