Wer dieser Tage im Laden ans Kühlregal geht und ahnungslos zur Frischmilch-Tüte greift, der könnte zu Hause eine böse Überraschung erleben: Weil er eine so genannte "längerfrische" Milch erwischt hat. Denn Aldi, Lidl, Penny und auch viele Edeka-Märkte haben keine Frischmilch mehr! "Wir haben ganz viele empörte Anrufe bekommen", sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale. "Die Kunden bekommen kaum noch Frischmilch. Und sie kaufen versehentlich länger haltbare, weil die Kennzeichnung undeutlich ist."
Tatsächlich haben sich die Verpackungen kaum verändert. Sie sehen aus, wie die lange bekannten Frischmilch-Tetrapaks, sie stehen am selben Platz und kosten das gleiche. "Frische Vollmilch" steht meist in großen Lettern drauf. Viel kleiner heißt es "länger frisch", oder "für extra langen Frischegenuss". Das deutlichste Zeichen für die Veränderung ist das Haltbarkeitsdatum. Denn die so genannte ESL-Milch (extended shelf Life) ist gekühlt etwa 20 Tage haltbar, während Frischmilch nach sieben Tagen verdirbt.
"Diese längerfrische Milch hat einen Kochgeschmack, den viele Kunden nicht mögen", so Schwartau. Der Grund: Die ESL-Milch wird für längere Haltbarkeit auf 127 Grad Celsius erhitzt. "Und dabei gehen immer Vitamine verloren." Die Verbraucherzentralen in ganz Deutschland kämpfen gemeinsam für einen Erhalt der guten alten Frischmilch. "Sie ist gesünder und jedes Geschäft sollte sie anbieten."
Die meisten Hamburger Edeka-Märkte bieten nur noch einzelne Marken wie "Landliebe" frisch an - die ist allerdings extrem teuer.
Treibender Motor hinter der Umstellung ist der Lebensmittel-Großhandel. Durch die längere Haltbarkeit von "Längerfrischer" können die Läden besser kalkulieren und müssen keine fast abgelaufene Ware reduzieren oder wegschütten. Deshalb wurde im November beim letzten Einkaufskontrakt zwischen Molkereien und Großhandel eine viel höhere Quote von ESL-Milch vereinbart. Die Molkereien sind davon nicht begeistert. Die Herstellung ist teurer und es müssen neue Maschinen angeschafft werden.
"Die Verbraucher wollen die längerfrische Milch", argumentiert Edeka-Sprecher Alexander Lüders. Wirklich? Roland Frölich von der Molkerei Hansa-Milch (Hansano) hält allerdings dagegen: "Bisher haben von den Frischmilchkäufern nur zehn Prozent zu ESL-Milch gegriffen. Hier soll ein Nischenprodukt zur Regel gemacht werden."