Wenn die Lage brenzlig wird, kann er ziemlich opportunistisch sein. Und manchmal auch ganz schön feige. Wahre Helden sind aus einem anderen Holz geschnitzt als Captain Jack Sparrow, der bei fast allem, was er tut, nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Trotzdem flogen ihm die Zuschauerherzen zu. "Fluch der Karibik" spielte weltweit mittlerweile mehr als eine Millarde Dollar ein. Zu verdanken ist das im Wesentlichen dem furiosen Auftritt des Hauptdarstellers Johnny Depp, der seine Rolle als Kreuzung zwischen Stones-Urgestein Keith Richards und Zeichentrick-Schlawiner Bugs Bunny anlegte. Das Piraten-Abenteuer von 2003 machte nicht nur den begnadeten Mimen zum Superstar. Es beendete auch die jahrzehntelange kommerzielle Flaute des Freibeuterfilms, an der selbst renommierte Regisseure wie Roman Polanski ("Piraten", 1986) und Steven Spielberg ("Hook", 1991) nichts ändern konnten. Geradezu sträflich wäre es gewesen, hätte man bei Walt Disney den Mega-Erfolg von "Fluch der Karibik" auf sich beruhen lassen und das Seemannsgarn um den Piraten mit den kajalumrandeten Augen nicht weitergesponnen.
Die Story knüpft in etwa da an, wo die des Vorgängerfilms endete: Kurz vor ihrer Hochzeit werden Will Turner (Orlando Bloom) und Elizabeth Swann (Keira Knightley) von einem Agenten der Ostindien-Kompanie verhaftet, weil sie Jack zur Flucht verhalfen. Die Vollstreckung der Todesurteile ist nur abzuwenden, wenn Will den magischen Kompass beschafft, der sich im Besitz seines Piratenkumpels befindet. Den plagen derweil ganz andere Sorgen. Der tintenfischartige Unhold Davy Jones (Bill Nighy), Kommandeur des legendären Totenschiffs "Fliegender Holländer", hat mit ihm noch eine Rechnung offen. Der arme Jack hofft seinem Schicksal zu entgehen, wenn er eine Truhe findet, in der sein Widersacher etwas Wichtiges gebunkert hat. Doch auch andere sind scharf auf die Kiste ...
Einmal mehr ist es Johnny Depp, der dem Werk seinen Stempel aufdrückt: Einfach fabelhaft, wie sein Piratenverschnitt dandymäßig durchs Geschehen tänzelt. Dabei gibt sich Jack Sparrow stets schlagfertig: mit dem Mund und - natürlich nur, wenns unbedingt sein muss - auch mit dem Degen. In Davy Jones hat er diesmal einen Gegner, dem der Schurken-Charme des von Geoffrey Rush gespielten Captain Barbossa aus Teil eins abgeht, der aber umso Furcht einflößender wirkt. Aufgewertet wurde die Filmfigur der famosen Keira Knightley: Statt bloß als hübsche Deko in den Kulissen herumzustehen, greift Elizabeth entscheidend in die Handlung ein und zeigt, dass sie nicht ganz ohne ist. Es bleibt spannend, für wen ihr Herz letztlich mehr schlägt - für den edlen, aber etwas langweiligen Will oder für den kapriziösen Jack.
Ansonsten bleibt Wieder-Regisseur Gore Verbinski auf bewährtem Kurs: Er behält die ironisch-selbstreflexive Erzählweise bei, zeigt tolle, äußerst realistisch wirkende Trickeffekte und reichert die Story mit atemberaubender Action und irrwitzigen Slapstick-Einlagen an, von denen besonders Jacks halsbrecherische Flucht vor einem Kannibalenstamm und eine artistische Fechterei auf einem Mühlrad in Erinnerung bleiben. Dass solche Momente nicht immer so zwingend in die Story eingebettet sind wie noch im Vorgänger, trübt den Spaß ein wenig. Nicht jedoch die Vorfreude auf den dritten Teil der Freibeuter-Saga, der im Mai 2007 ins Kino kommen soll.