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"Wie können nicht so tun, als wäre Wilhelmsburg sicher"

Die Angst vor der großen Flut

Erik Pasche hat einen Tipp für Hamburgs Häuslebauer. "Bauen Sie keinen Keller unter ihr Haus, sondern das Haus auf Stelzen." Und das meint der Leiter des "Zentrums für Klimafolgen-Engineering" der TU Harburg ernst. "Wir müssen den Menschen sagen: Ihr lebt hier falsch! Hamburg muss lernen, nicht nur am, sondern mit und auf dem Wasser zu leben." Pasche ist sicher: Es wird wieder Überflutungen geben.



Die Theorie ist einfach: Der Klimawandel kommt, ob wir alle Drei-Liter-Autos fahren oder nicht. Wenn der Meeresspiegel steigt und die Winterstürme stärker werden, schwappt das Wasser irgendwann selbst über die 8,10 Meter hohen Deiche Hamburgs. Statt sich also nur mit der CO2-Vermeidung zu beschäftigen, denkt Pasches Institut als erstes in Deutschland weiter: "Wie leben wir mit dem Klimawandel?"



Pasche drückt auf einen Knopf in seinen Austellungsräumen im Pollhornweg, südliches Wilhelmsburg. Auf Hüfthöhe steigt Wasser in diversen Zylindern. "So hoch stünde hier das Wasser bei einer Sturmflut im Jahr 2030. Wenn die Deiche nicht brechen. Sonst sieht das ganz anders aus." Sagt er und zeigt Bilder der verheerenden Flut von 1962. Pasche: "Wir können nicht so tun, als wäre Wilhelmsburg eine sichere Insel!"



Simulationen mit aktuellen Prognosen zum Klimawandel zeigen: Im Katastrophenfall wäre im Jahr 2030 knapp die Hälfte der Insel ein Teil der Elbe. Im Jahr 2085 fast der komplette Stadtteil. Gleiches gilt für alle flachen Gebiete wie HafenCity oder Finkenwerder (siehe Infokasten). "Aber nur, wenn wir nichts machen", sagt Pasche.



Seine Lösung: Anstatt für gewaltige Summen immer höhere Deiche zu bauen, sollte man sich darauf einstellen, dass es ab und zu etwas feuchter wird. Dazu schlägt Pasches Team am Beispiel Wilhelmsburgs vor, mit alten Deichen sowie in Straßen integrierten, aufklappbaren Schutzwänden Überflutungsräume zu schaffen. In denen wird das Wasser gesammelt (siehe Grafiken). "So können wir andere Gebiete schützen und zumindest Zeit gewinnen."



Doch dafür müssen die Häuser in den Überschwemmungsgebieten schwimmen lernen. Wie das geht, zeigen Ponton-Siedlungen in Holland. Oder der Baukonzern H.C. Hagemann, der in Harburg den "Shark"-Turm plant. Das auf Stelzen stehende Haus kann mit Pumpen erhöht werden, sollte der Pegel steigen. "Wir dürfen uns nicht vom Wasser abschotten. Es muss zum Lebensraum werden", sagt Ingo Hadrych von H.C. Hagemann. Parallel werden Techniken erprobt, um bestehende Gebäude abzudichten.



"Durch den Sprung über die Elbe haben wir die Chance, eine Vorreiterrolle zu spielen", sagt Pasche. "Wenn die Politik endlich offensiver auf Anpassung setzt". Die tut sich natürlich schwer mit solch radikalen Konzepten. "Der beste Hochwasserschutz sind sichere Deiche", so Björn Marzahn, Sprecher der Stadtentwicklungsbehörde. "Aber wir sehen die Ideen mit großem Interesse und werden prüfen, wie sinnvoll das ist."



Pasche ist sicher: Die Umsetzung wäre nicht nur billiger, als Deiche zu erhöhen. Sie erhöht auch die Lebensqualität - weil man auch mehr auf dem Wasser bauen kann: "Wilhelmsburg muss zur Wasserstadt werden. Warum soll man nicht vom Hausboot zum schwimmenden Aldi tuckern? Wir können das!"

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Datum:  2.8.2008
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