Ein kalter, dunkler U-Bahn-Tunnel. Dick eingepackt in Jacke und Schal sitzen vier angehende Schauspieler in den Zuschauerreihen im stillgelegten U-Bahn-Tunnel der U2 am Hauptbahnhof und sehen zwei Kollegen bei den Proben zu.
Zwischen Kabelrollen und Scheinwerfern spielen Fritzi Oster und Thies Christiansen eine Szene aus ihrem Stück "Man sieht sich", das morgen in eben jenem Tunnel Premiere feiert. Die gefliesten Wände und der graue Betonboden lassen den Ort noch kälter erscheinen, als er sowieso schon ist. "Zu den Vorstellungen bauen wir Heizstrahler auf und dichten den Tunnel mit Vorhängen ab", verspricht Regisseurin Eva Glitsch, "Aber wir haben uns längst an die Kälte gewöhnt."
Nicht zufällig hat sich die Gruppe um Produzent Nils Daniel Finckh den Tunnel als Schauplatz für ihr Stück ausgesucht. Um die Oberflächlichkeit alltäglicher Begegnungen, das Nicht-zuhören-Können und innere Leere geht es. "Auf dem Weg zur U-Bahn gehen die Leute aneinander vorbei, reden nicht miteinander, daher passt dieser Ort perfekt", erzählt die Regisseurin.
Seit Oktober treffen sich sieben Akteure, Autorin Franziska Finke, Regisseurin Eva Glitsch und zwei Ausstatterinnen unter der Erde. Drei Mal pro Woche bis spät in die Nacht proben sie, diskutieren und halten sich mit Kaffee und Zigaretten warm. Das Projekt bekommt keine finanzielle Unterstützung, die Ausgaben der jungen Theaterleute werden durch die Eintrittsgelder nicht annähernd gedeckt. Woher nehmen sie ihre Motivation? "Wir sind alle Anfang 20 und sehen dieses Projekt als Chance, uns unter professionellen Bedingungen auszuprobieren", erzählt Schauspielschüler Thies. "Und natürlich hoffen wir, dass möglichst viele Leute sich die Aufführung ansehen".