Tumult, Tränen und obszöne Beschimpfungen: Morsals Eltern und Geschwister verlieren die Fassung, als der Richter das Urteil gegen Ahmad O. (24) verkündet: lebenslange Haft für den heimtückischen Mord an seiner Schwester. Die Mutter Nargis O. (42) will sich aus dem Fenster stürzen, der Bruder (14) hämmert gegen die Scheibe im Gerichtssaal, die Schwester Amina (25) muss mit einem Nervenzusammenbruch in die Klinik. Und der Angeklagte schleudert dem Staatsanwalt entgegen: "Du Hurensohn, ich ficke deine Mutter!"
Der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen hat die Worte "verurteilt zu lebenslanger Haft" kaum ausgesprochen, da bricht ein Teil der Zuschauer in Beifall aus, während die Geliebte des Angeklagten und seine Mutter einander laut wehklagend in die Arme sinken. Die Freundin, eine afghanischstämmige Jurastudentin, wird die Journalisten später als "Ihr Nazis" beschimpfen.
Morsals ältere Schwester Amina (25) wird von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt, rennt aus dem Saal, der Angeklagte schreit Sätze auf Afghanisch in Richtung seiner Angehörigen. Ein Mann, vermutlich Afghane, verlässt ebenfalls aufgebracht den Zuschauerraum: "Jeder deutsche Kinderficker bekommt Bewährung, aber er bekommt lebenslänglich!"
Richter Backen setzt seine Urteilsbegründung fort, spricht über den Angeklagten, der sich alle Freiheiten herausnahm, von seiner jüngeren Schwester aber erwartete, dass sie sich den Regeln unterwarf. Als Backen beschreibt, wie die Familie die aufmüpfige Tochter 2007 zur "Erziehung" nach Afghanistan schickte, schreit die Schwester, inzwischen wieder im Saal, dazwischen: "Das sind doch alles Lügen!"
Der Richter mahnt Ruhe an, die Justizbeamten positionieren sich, da brüllt der Angeklagte los: "Lasst die Frauen in Ruhe, ihr Fotzen, ich meine euch, ihr deutschen Beamten!" Ahmad O. hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Richter Backen verliest weiter die Urteilsbegründung, kommt zum Motiv der Tat: "Der Angeklagte entschloss sich, seine Schwester zu töten, um die Ehre der Familie zu retten." Wieder pöbelt Ahmad O. unbeherrscht los: "Was ist das, Ehre? Ich kenne keine Ehre!"
Wenig später schlägt das jüngste der Geschwister, der 14-jährige Zahad O. gegen die Scheibe, die den Zuschauerraum vom Gericht trennt. Er schreit: "Ich habe keine Schwester mehr!" Verwandte bringen den Jungen aus dem Saal. "Dieses Verbrechen wäre auch in Kabul verurteilt worden", fährt Richter Backen fort, und wieder schreit Ahmad O. dazwischen: "In Kabul wäre ich längst wieder frei!"
Nach Ende der Urteilsverkündung eskaliert die Situation vollends: "Habt ihr keine Kinder?", ruft der Vater den Richtern zu, der Angeklagte schleudert dem Staatsanwalt die obszöne Beleidigung entgegen, wirft mit Papieren um sich. Seine Schwester erleidet einen Kollaps, wird von einer Beamtin in die stabile Seitenlage gebracht. Der Notarzt bringt sie später ins UKE. Die Mutter rennt über den Gerichtsflur, schreit immer wieder: "Das ist keine Gerechtigkeit!", klettert auf ein Fensterbrett, will das (nicht zu öffnende) Fenster öffnen und sich in die Tiefe stürzen. Verwandte halten sie zurück.
Morsals Vater Ghulam O. (46) ist bereits aus dem Gerichtsgebäude gestürmt, an der Terre-des-Femmes-Mahnwache vorbei. Eine Kerze, die die Frauen zum Gedenken an seine ermordete Tochter entzündet haben, wirft er auf den Fußweg. Er wird demnächst wegen Misshandlung Morsals vor Gericht stehen.
Morsals jüngerer Bruder ging aggressiv auf die Journalisten los. Morsal hatte der Polizei geschildert, dass auch der 14-Jährige sich an den Misshandlungen gegen sie beteiligt hatte.
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