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DER TRAGISCHE SELBSTMORD VON ROBERT ENKE

Was machte seine Seele so krank?

Was ist mit diesem Menschen passiert, dass er keinen Ausweg mehr sah? Konnte ihm denn niemand helfen? Was trieb den Nationaltorhüter in den Tod? Die Antwort auf all diese Fragen ist ein Wort, das uns dieser Tage mehr denn je erschüttert und verängstigt: Depressionen.



MOPO-Redakteur Andreas Lorenz unterhielt sich mit Thomas Müller-Rörich über das Schicksal des Nationaltorhüters. Müller-Rörich ist Vorsitzender der Selbsthilfegruppe "Deutsche Depressionsliga", die aus dem "Kompetenznetz Depressionen" (über 5 Millionen Ratsuchende seit dem Jahr 2000) entstanden ist.



Die schwere Erkrankung und der Tod von Töchterchen Lara



"Das ist der sensibelste Bereich der öffentlich bekannten Lebensgeschichte von Robert Enke", sagt Müller-Rörich. Töchterchen Lara kam im August 2004 mit einem schweren Herzfehler zur Welt, starb im September 2006 nach einer Routineoperation.



Der Experte warnt: "Gravierende Einschnitte im Leben eines Depressiven können eine Gefahr darstellen. Einen derart schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten, ist für Gesunde schon problematisch. Für Depressive um vieles mehr."



Aber, sagt der Experte: "Den Versuch, das Geschehene durch die Adoption eines Mädchens quasi zu reparieren, als Fehler zu bezeichnen, ist ungerechtfertigt. Das Ehepaar hat sich diese Entscheidung sicher sehr gut überlegt. Es gibt so viele andere mögliche Auslöser für die letzte Krise im Leben von Herrn Enke. Er hat, das sagte seine Frau, sich liebevoll um Leila gekümmert. Das sollte in Erinnerung bleiben, denn viele Depressivkranke schaffen das gar nicht mehr."



Der Erfolg & Druck als WM-Torhüter?



Thomas Müller-Rörich zögert kurz, bevor er das Phänomen erklärt, warum Glück für Depressive kein Glück sein kann. "Außenstehende können es nicht verstehen, warum ein Mensch wie Robert Enke auf dem Zenit seiner Karriere, als Nationalspieler und potenzieller WM-Torhüter, diese Konsequenz gezogen hat. Aber für einen Depressiven gibt es keinen Erfolg. Im Gegenteil: Er birgt sogar Gefahr. Wer etwas Tolles erreicht, oder sich mit einer Weltreise oder etwas Neuem beschenkt, oder ein neues Lebensglück findet, der merkt dann plötzlich, dass auch dadurch die Dunkelheit nicht weggeht."



Die brutale Auswirkung: "Oft stellt sich der Kranke genau dann die Frage: Was hat das alles noch für einen Sinn, wenn mir nicht mal das Beste hilft, was ich mir erträumen kann? Depressive verlieren die Fähigkeit, das Glück zu genießen."



Fehler der Familie, des Umfelds oder der Ärzte?



"Alle Spekulationen in dieser Richtung sind falsch und nicht sinnbringend", sagt Müller-Rörich. "Wer Teresa Enke gesehen hat, der weiß, dass sie unter größter persönlicher Belastung das Menschenmögliche für ihren Mann geleistet hat." Dazu kommt, dass das Gift der Depression den Kranken oft dazu bringt, urplötzlich auch seinen Liebsten ein falsches Bild vorzugaukeln. "Selbst für Fachärzte und Therapeuten ist es oft unmöglich, genau einzuschätzen, wie es dem Patienten gerade geht. Robert Enke hat in seinem Abschiedsbrief geschrieben, dass er alle getäuscht hat, um seinen Selbstmordplan durchzuführen. Für seine Familie war es mehr als unmöglich, dass zu sehen. Genauso für Mannschaftskollegen oder Freunde. Vorwürfe, auch Selbstvorwürfe, sind fehl am Platz."



Männerwelt Fußball?



Die Bedingungen des Profifußballs verstärken nach Meinung des Experten Thomas Müller-Rörich die allgemeine Problematik eines Depressivkranken noch immens. "Sport-Profis werden dazu erzogen oder sogar gezwungen, Verletzungen zu verheimlichen. Defekte oder Angriffspunkte auf keinen Fall zu verraten. Um dem Gegner keinen Vorteil zu verschaffen."



Dass deshalb ein sowieso labiler Mensch sich einreden könne, das Bekanntwerden einer Depression wäre das Ende aller seiner sportlichen Träume, hält Müller-Rörich für "leider sehr gut nachvollziehbar". Robert Enke "war nicht der harte Mann, den er spielen musste."



Die Versagensängste?



Robert Enkes Karriereknick beim FC Barcelona (als dritter Torhüter aussortiert) und bei Fenerbahce Istanbul (von den eigenen Fans angefeindet) sowie die nachfolgende therapeutische Behandlung im Jahr 2003 waren das - damals geheim gehaltene - Alarmzeichen.



Müller-Rörich: "Versagensängste und daraus entstehende Depressionen gibt es in jedem Beruf. Manche Menschen halten ihrem Leben einfach nicht stand, ganz egal, wie stark und erfolgreich sie nach außen wirken." Es könne gut sein, so Müller-Rörich, dass Robert Enke "damals schon zum Treibholz geworden ist." Zu einem Menschen, der zwischen seiner Krankheit und seinem Traumberuf hin und her gerissen wurde. "Er wollte sein Problem geheim halten. Im Endeffekt muss man leider sagen: Er hat das geschafft, aber der Preis war viel zu hoch."



Müller-Rörich: "Diese Zwickmühle kennt jeder Depressivkranke. Weil es das Stigma des Kaputten, des Beschädigten, des Versagers gibt. Was wird der Chef sagen? Was die Kollegen? Werde ich arbeitslos? Die moderne Leistungsgesellschaft ist gefordert, das zu ändern."



Therapieplätze für alle Einkommensschichten, Anlaufstellen und ein vorurteilsfreier Umgang mit der Volkskrankheit Depression - das sind die Wünsche der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

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Datum:  13.11.2009
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