Es sind Zahlen, die erschrecken: 313 Störfälle gab es im Kernkraftwerk Krümmel bei Geesthacht seit der Inbetriebnahme 1983. Das sind gut zwölf Störfälle pro Jahr. Oder: einer im Monat. Dirk Seifert, Atomenergie-Experte der Umweltorganisation Robin Wood, fällt ein hartes Urteil: Neben dem AKW Brunsbüttel ist Krümmel einer der unsichersten Reaktoren auf deutschem Boden. "Würde heute jemand eine solche Anlage bauen und versuchen, dafür eine Betriebsgenehmigung zu bekommen, dann würden ihn die Behörden auslachen."
Krümmel - der Pannenreaktor. Unvergessen ist der 28. Juni 2007: Damals brannte ein Transformator. Vattenfall wurde vorgeworfen, die Öffentlichkeit getäuscht und den Störfall verharmlost zu haben. Vor allem habe der Betreiber verschwiegen, dass Rauch in die Betriebszentrale eingedrungen war und dass das Personal nur noch unter Atemschutz arbeiten konnte. Kommunikationsfehler zwischen zwei Mitarbeitern hätten fast zum GAU geführt.
Zwei Jahre stand Krümmel still. Zwei Jahre ließ Vattenfall reparieren und sanieren. Dann kam ein fünfköpfiges Expertengremium zu dem Ergebnis, die Anlage sei sicher. Wirklich ganz sicher? Am 22. Juni, vor nicht mal zwei Wochen, wurde Krümmel wieder angefahren. Und schon wenige Tage später passierte die erste Panne: Die Turbine schaltete sich ab, nachdem ein sogenannter Eigenbedarfstransformator ausgefallen war, der die riesigen Kühlwasserpumpen mit Strom versorgen soll. Gestern kam es dann zu einer Reaktorschnellabschaltung (siehe Seite 9).
Erinnerungen an die katastrophale Informationspolitik vor zwei Jahren werden wach: Auch bei dem Turbinen-Vorfall hat Vattenfall geschwiegen, solange es ging. Nicht der Energiekonzern, nein, die Umweltschutzorganisation Greenpeace war es, die den Zwischenfall öffentlich machte: Ein Anwohner des Reaktors hatte Messungen an der Auslaufstelle des Kühlwassers vorgenommen und festgestellt, dass es kaum wärmer als das Elbwasser war. Die einzige Erklärung, die Greenpeace dafür hatte: eine Panne! Und tatsächlich: Stunden später, als es nichts mehr zu leugnen gab, bestätigte der Betreiberkonzern, es habe einen Störfall gegeben.
Noch suchen Gutachter nach den Ursachen. Vattenfall teilte aber schon mit, menschliches Versagen sei Auslöser gewesen. Soll wohl heißen: Die Technik funktioniert einwandfrei!
Das sieht Dirk Seifert von Robin Wood ganz anders: Siedewasser-Reaktoren gehörten zu den gefährlichsten überhaupt. Und das AKW Krümmel sei weltweit die größte Anlage dieses Typs. "Das ganze Konzept war von Anfang an ein Fehlschlag", sei "ingenieurtechnisch idiotisch gedacht" und nicht beherrschbar.
"Krümmel abschalten. Sofort! Und für immer!!" Das fordern viele. Jürgen Trittin, stellvertreter Fraktionschef der Grünen im Bundestag, bezeichnete die neuerliche Panne als "Armutszeugnis". Sie zeige, dass die Anlage außer Dienst gestellt werden müsse. Und Greenpeace ließ wissen: "Es darf nicht erst ein unkontrollierbarer Störfall passieren, damit der Pannenreaktor endgültig vom Netz genommen wird."
Krümmel hat das Zeug, zum Symbol zu werden. Denn es geht längst um mehr: um eine Richtungsentscheidung. Sollten CDU und FDP die Bundestagswahl gewinnen, so ist zu befürchten, wird es den Atomausstieg, den einst die rot-grüne Koalition aushandelte, nicht geben. Dagegen ziehen die Gegner zu Felde, Grüne und Umweltschutzorganisationen. Sie planen für den 5. September eine Großdemonstration in Berlin. "Mal richtig abschalten!" lautet das Motto.
Vattenfall hält an Krümmel fest, hofft, dass eine neue Bundesregierung die Restlaufzeit der Anlage ausdehnt. Dabei ist es nicht allein die Störanfälligkeit, die das AKW so gefährlich macht. Seit Jahrzehnten gibt es eine weit überdurchschnittliche Rate an Leukämie-Erkrankungen in der Elbmarsch. Für viele liegt es auf der Hand, dass es da einen Zusammenhang gibt, auch wenn Beweise fehlen.
Und noch einem Aspekt kommt besondere Bedeutung zu, seit es dieser Tage hieß, dass Islamisten einen Terroranschlag noch vor der Bundestagswahl planten: Krümmel wäre der ideale Ort! Es ist eins von acht Kernkraftwerken in Deutschland, die gegen einen Flugzeugaufprall nicht geschützt sind.
Dirk Seifert, Atomenergieexperte von Robin Wood: "Würde heute jemand versuchen, dafür eine Betriebsgenehmigung zu bekommen, dann würden ihn die Behörden auslachen."
Nach dem erneuten Störfall protestieren Atomkraftgegner vor dem AKW Krümmel. Für den 5. September wird zur Großdemo in Berlin aufgerufen. Motto: "Mal richtig abschalten".