Ein deutsches Hilfsschiff rettet 37 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot - und kreuzt anschließend tagelang vor der italienischen Küste, weil kein Hafen bereit ist, Retter und Gerettete an Land zu lassen. Das Drama der "Cap Anamur" spielte sich im Juni 2004 ab - vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Vier Jahre später, die Welt hat sich längst anderen Problemen zugewandt, steht der damalige Kapitän Stefan Schmidt (66) aus Lübeck immer noch als Angeklagter vor einem sizilianischen Gericht: wegen Menschenschleuserei!
20. Juni 2004, die "Cap Anamur" ist nach einer Maschinenreparatur auf Testfahrt zwischen Malta und Italien, als die Besatzung auf hoher See ein vollbesetztes Schlauchboot entdeckt. "Wir dachten erst, das sind Arbeiter einer nahen Ölplattform", erinnert sich Schmidt, "aber sie winkten mit einem roten Pullover und der Motor qualmte."
Kapitän Schmidt lässt zunächst nur einen der entkräfteten Männer an Bord kommen: "Es hätten ja auch Piraten sein können." Ein Matrose kann Arabisch, übersetzt, was der Schiffbrüchige sagt: Im Schlauchboot sitzen 37 junge Flüchtlinge aus dem Sudan, seit Tagen unterwegs, dem Verdursten nah, mit einem halben Fladenbrot als letzte Nahrung. Die "Cap Anamur" nimmt alle an Bord: "Dazu waren wir nach internationalen Gesetzen verpflichtet", sagt Schmidt. "Jeder Kapitän muss Schiffbrüchige aufnehmen und in einen sicheren Hafen bringen."
Es beginnt ein Nervenkrieg mit den italienischen Behörden, die der "Cap Anamur" das Einlaufen in einen Hafen verweigern. Silvio Berlusconi ist im Juni 2004 seit wenigen Wochen Ministerpräsident und fährt einen harten Kurs gegen Flüchtlinge, lässt das deutsche Schiff mit Polizeibooten und Hubschraubern verfolgen. Als nach zehn Tagen die Vorräte zur Neige gehen, läuft Schmidt den sizilianischen Hafen Porto Empedocle an. Noch am Kai werden er, sein Erster Offizier und Elias Bierdel, Chef der Organisation Cap Anamur, verhaftet. Wegen "bandenmäßiger Schleuserei". Dafür drohen zwölf Jahre Haft.
Nach einer Woche im Gefängnis können die drei ausreisen. Die "Cap Anamur" wird als "Tatwerkzeug" beschlagnahmt, liegt acht Monat an der Kette. Hilfsgüter für rund 50000 Euro verderben.
Im November 2006 beginnt der Mammut-Prozess vor dem Großen Senat im Justizpalast von Agrigent auf Sizilien. Seitdem müssen die Angeklagten Schmidt und Bierdel ein Mal pro Monat für die Verhandlungen nach Sizilien fliegen. Im Oktober 2008 sollen die letzten Zeugen vernommen werden. "Das ist ein politischer Prozess", sagt Schmidt, "der soll andere Seeleute abschrecken, Flüchtlinge an Bord zu nehmen."
Stefan Schmidt, Vater von drei erwachsenen Söhnen, arbeitet zurzeit als Honorardozent an der Seemannsschule Priwall. Er hat mit Elias Bierdel den Menschenrechtsverein Borderline Europe gegründet (www.boderline-europe. de). Die "Cap Anamur" wurde verkauft, fährt heute als Frachter. Die Flüchtlinge wurden abgeschoben. Einer von ihnen, Mohammed Yussif, ertrank im April 2006 bei einem erneuten Versuch, nach Europa zu gelangen.
Kapitän Schmidt würde jederzeit wieder so handeln, sagt er: "Meinen Sie, ich könnte mit 37 Menschenleben auf dem Gewissen noch ruhig schlafen?" Demnächst muss er wieder nach Sizilien.