Zwei Kinder aus sozial schwer belasteten Familien sterben innerhalb von drei Jahren in Wilhelmsburg. Die Wohnungen liegen nur 750 Meter auseinander. Beide sterben unter der Obhut desselben Jugendamtes. Baby Lara-Mia (✝8 Monate) ist völlig abgemagert, Chantal (✝11) stirbt an tödlichen Drogen.
Selbst Sozialamts-Mitarbeiter sind fassungslos. Nach jedem toten Kind in Hamburg gab es neue Vorschriften und mehr Personal – doch wieder hat es nichts genützt.
Zwei Amtsvormünder des Jugendamtes kamen jeden Monat bei der Pflegefamilie vorbei. Einer für Chantal und einer für das zweite Pflegekind. Eine Fachberatung stand jederzeit bereit und half bei Erziehungs- und Gesundheitsfragen. Beauftragt war damit der Verband sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE).
Zwei Mal pro Jahr gab es ein Beratungsgespräch mit der Familie, dem Jugendamt und allen Fachkräften. „Es ist mir unerklärlich, dass all diese Menschen nicht gemerkt haben, dass die Eltern abhängig waren und dass die Wohnsituation für die Kinder nicht angemessen war“, sagt Lothar Knode (GAL). Er ist selbst Sozialarbeiter in einem Hamburger Jugendamt und zugleich stellvertretender Vorsitzender des Jugendhilfe-Ausschusses im Bezirk Mitte.
Knode ist überzeugt, dass bei einer genauen Eignungs-Prüfung der Pflegeeltern aufgefallen wäre, dass sie absolut nicht die Richtigen sind, um ein Pflegekind aufzunehmen. Ein Verdacht, den mittlerweile viele Fachleute haben: Als Sylvia L. (47) und Wolfgang A. (51) 2005 die Pflege für ihr Enkelkind übernehmen wollten, wurden sie vom Bezirk Harburg nicht so genau geprüft. Schließlich sind sie die Großeltern. Als 2010 dann Chantal ebenfalls zu dieser Familie wollte, weil sie sie kannte, da wurde vom Bezirk Mitte (Wilhelmsburg gehört seit 2008 zu Mitte) erneut nicht genau hingeschaut.
Ein jetzt entbrannter Streit erhärtet diesen Verdacht: Laut Bezirk Mitte hat der Verband VSE die Eltern überprüft. VSE betont aber überraschend: „Wir sind laut Vertrag nicht für die Auswahl und Eignungsfeststellung zuständig.“ Mitte-Sprecher Lars Schmidt-von-Koss kontert: Es liege ein Bericht von VSE vor, in dem die Familie als geeignet eingestuft werde.
Was die Mitarbeiter von VSE genau in der Familie gemacht haben, dazu will man sich aus Gründen des Sozialdatenschutzes nicht äußern. So ist bis heute nicht klar, ob die Familie überhaupt je richtig überprüft wurde.
Hier zeigt sich eine Parallele zwischen Lara-Mia und Chantal. In beiden Fällen hat sich das Jugendamt auf einen externen Träger verlassen, ohne seine Aufgaben genau zu klären. Damals war es das Rauhe Haus. Der Jugendamts-Mitarbeiter hatte das Baby damals nicht ein einziges Mal selbst besucht, sondern verließ sich völlig auf die Mitarbeiterin vom Rauhen Haus.
2008/2009 war die Situation im Jugendamt in Wilhelmsburg allerdings auch katastrophal, die Kollegen waren völlig überlastet. Knode: „Daran hat es diesmal nicht gelegen. Wilhelmsburg ist heute mit 20 Mitarbeitern gut ausgestattet.“ Zudem haben die Amtsvormünder früher 100 Fälle betreut, jetzt nur noch die Hälfte. Knode sieht ein anderes Problem: „In den Jugendämtern sind sehr viele junge, unerfahrene Kollegen neu gestartet.“
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