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Unterwegs in Hamburg: Blinde mit Führhund müssen draußen bleiben

Rolf Schilling (68)  ist blind. Deshalb lässt er sich von seinem Blindenhund Betty führen. Im Passage-Kino an der Mö wird den beiden jedoch der Zutritt verwehrt.
Rolf Schilling (68) ist blind. Deshalb lässt er sich von seinem Blindenhund Betty führen. Im Passage-Kino an der Mö wird den beiden jedoch der Zutritt verwehrt.
Foto: MOPO

Wenn Rolf Schilling (68) durch Hamburgs Einkaufsstraßen bummelt, fühlt er sich manchmal wie ein Aussätziger. Die Menschen starren, blaffen, auch aus dem Supermarkt geschmissen haben sie ihn schon. Rolf Schilling ist blind und auf seinen Führhund Betty angewiesen – die MOPO begleitete den Rentner in Lebensmittelgeschäfte, ins Café und ins Kino.

Mittwochmittag in der Ottenser Fußgängerzone. Rolf Schilling, ein gut gelaunter Mann mit Baskenmütze, möchte Brot kaufen – zusammen mit Labrador Betty betritt er die „Back Factory“ an der Ottenser Hauptstraße. Sofort schießt ein Mitarbeiter auf den Rentner zu: „Mit Hund dürfen Sie hier nicht rein“, blafft er. Erst als Schilling dem Verkäufer erklärt, dass er blind und Betty sein Führhund ist, gibt dieser nach: „Hmm, die Hygiene und so. Na gut, dann machen wir ’ne Ausnahme.“ Später wird Rolf Schilling sagen, dass er es leid sei, eine Ausnahme zu sein. „Ich und Betty – das ist ja wohl selbstverständlich.“

Knapp einen Monat ist es her, dass ein blindes Paar mit seinen Führhunden im CCH nicht ins Konzert durfte. Rolf Schilling (68), seit 30 Jahren blind, kennt diese Situationen nur zu gut. Eine Erbkrankheit zerstörte seine Netzhaut, erst sah er noch Umrisse, mit 38 gar nichts mehr. Deshalb hat Rolf Schilling Betty. Die Labrador-Hündin sieht für ihn, wo die erste Treppenstufe ist, findet den Weg durchs Gedränge in der Einkaufsstraße, meidet Laternenpfähle, Bäume, Unebenheiten im Asphalt. Durch Betty habe sein Alltag kaum Hindernisse, sagt Rolf Schilling. Das größte Hindernis: die Intoleranz der Menschen.

Nur wenige Ladentüren weiter, in der Fleischerei „Beisser“, möchte Schilling ein paar Wiener kaufen. „Das geht nicht“, sagt ein Mitarbeiter und zeigt auf Betty. Nach kurzem Überlegen lenkt er doch ein, fügt hinzu: „aber nicht hinter die Theke“. „Als würde ich dahin wollen“, murmelt Schilling.

Egal ob beim Bäcker, beim Schlachter, im Fischladen, im Supermarkt. In Lebensmittelgeschäften muss Rolf Schilling sich immer wieder erklären. „Und wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin, reden die Leute mit ihr – als sei ich ein Kind“, sagt er.

Wir fahren mit Rolf Schilling in die City, Kaffeepäuschen im Café Balzac an der Rathausstraße. Schilling macht es sich am Fenster bequem, Betty auf dem Fußboden – ein Problem mit Hunden scheint man hier nicht zu haben. „In Restaurants und Cafés stoße ich selten auf Ablehnung“, sagt Schilling. „Und bei Wirten, die Betty nicht dahaben wollen, will ich eh nichts essen.“

Nächster Stopp ist das „Passage Kino“ an der Mönckebergstraße: Rolf Schilling fragt nach Karten für den neuen Bond-Film – „Hunde verboten“ heißt es auch hier. Bei Blindenhunden könne er keine Ausnahme machen, sagt der Geschäftsführer. Schließlich wisse man nicht, wie das Tier bei Lärm reagiert. Dass Betty monatelang trainiert wurde, lässt er als Argument nicht gelten. „So ist nun mal die Hausordnung“, sagt er. „So sieht Diskriminierung aus“, sagt Schilling.

Zuletzt möchte er im Süßigkeitengeschäft „Bärentreff“ an der Mönckebergstraße Weingummis besorgen. Am Eingang hängt ein Schild: Hunde müssen draußen bleiben. In dem winzigen Laden kommt gleich eine Verkäuferin auf Rolf Schilling zu, legt ihm rotes Weingummi in die Hand, „probieren Sie mal, suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Auf Nachfrage sagt sie: „Man sieht doch sofort, dass der Mann blind ist. Da ist es selbstverständlich, dass sein Hund mit rein darf.“ Eine Meinung, die leider nur wenige zu teilen scheinen.

Das sagt das Gesetz

Laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das 2006 in Kraft trat, darf die Mitnahme eines Blindenführhundes nicht verboten werden. Ausnahme: Der Mitnahme steht „ein rechtfertigender sachlicher Grund entgegen“. In Lebensmittelgeschäften könnten das zum Beispiel hygienische Bedenken sein – zumindest argumentieren viele Verkäufer so. Das Problem: Nach Auskunft des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) enthalten weder das europäische noch das nationale Lebensmittelhygienerecht spezifische Vorschriften zum Thema Blindenführhunde in Supermarkt und Co. Das BMELV vertritt allerdings die Auffassung, dass dem Mitführen der Hunde in Geschäfte nichts entgegenstehen würde, da diese als Sonderfall anzusehen seien. Eine Studie der Freien Universität Berlin hat darüber hinaus ergeben, dass Blindenführhunde selbst in Arztpraxen kein Hygienerisiko darstellen. Weitere Informationen zum Thema Blindenführhunde gibt’s auf der Seite des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (www.bsvh.org).

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