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Nach Fall Jeremie: Senator sieht Zirkus-Unterbringung „mit Sorge“

Mit neun Jahren kam Jeremie (11) in den Wanderzirkus. Dort erhielt er eine „intensivpädagogische Betreuung“.
Mit neun Jahren kam Jeremie (11) in den Wanderzirkus. Dort erhielt er eine „intensivpädagogische Betreuung“.
Foto: Weiper

Sie landen im Wanderzirkus, auf Bauernhöfen oder in Stuntshows – extrem schwierige Kinder erhalten eine ganz spezielle Betreuung. Und das kostet: Im Fall Jeremie (11) zahlt die Stadt 243 Euro täglich. Damit sind Pflegekinder nicht nur eine soziale Herausforderung, sondern auch ein großes Geschäft. Wofür wird das ganze Geld ausgegeben?


Warum ist die Betreuung so teuer?

Der Neukirchener Erziehungsverein, der Jeremie aufgenommen und an den Wanderzirkus vermittelt hat, rechnet vor: 75 Prozent der 7400 Euro, die monatlich für Jeremie anfallen, sind Personalkosten, sagt Sprecher Ulrich Schäfer. So bekommt die „Zirkusmutter“ von Jeremie, eine Mitarbeiterin des Vereins, ein Erziehergehalt. Hinzu kommen anteilige Personalkosten für Leitung, pädagogische Beratung, Fortbildung, Supervision und Verwaltungskosten.
Für die Sachkosten wie Miete, Essen, Kleidung veranschlagt Schäfer 1850 Euro monatlich. Zu viel? „Der Pflegesatz ist mit den Jugendämtern aufgrund einer detaillierten Leistungsbeschreibung vereinbart worden“, sagt Schäfer.


Welche Erfolgsaussichten bestehen dabei?

Schäfer betont, dass es um Kinder und Jugendliche geht, die häufig durch Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung traumatisiert seien: „Viele der in Zirkussen, Bauernhöfen oder auch Stunt-Shows aufgenommenen Jugendlichen entwickelten sich positiv, schafften mit Hilfe des Erziehungsvereins einen Schulabschluss und führen mittlerweile ein normales Leben.“


Wie werden die Träger ausgesucht?

Im Falle von Jeremie haben sechs Träger den Jungen abgelehnt. Er kam dann in den Wanderzirkus, obwohl eine solche Maßnahme erst für Jugendliche ab 14 empfohlen wird. „Im Ausnahmefall ist das möglich. Jeremie hat sich im Zirkus wohlgefühlt und gut entwickelt“, so Schäfer.


Findet der Senat das normal?

Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) sieht die Unterbringung in Zirkussen „mit Sorge“: „Ich appelliere an die Träger in Hamburg, geeignete Angebote zu schaffen, damit wir auf die Zirkus-Unterbringung nicht mehr angewiesen sind.“ Er lässt jetzt bei jedem Pflegekind in einem Zirkus oder einer Schausteller-Familie die Standards prüfen.


Wie viele Hamburger Kinder werden betreut?

Rund 10000 Kinder bekommen in Hamburg Hilfen zur Erziehung (Stand 2011). 1390 Kinder und Jugendliche leben nicht bei ihren Eltern, sondern bei einer anderen Familie bzw. Pflegeeltern. 2550 Kinder leben in Wohngruppen und haben Betreuer, die sich täglich um sie kümmern.
Beim Neukirchener Erziehungsverein, der 2000 Kinder betreut, sind allein aus Hamburg weitere zwölf Kinder ähnlich teuer wie Jeremie untergebracht. Dabei können Tagessätze bis zu 260 Euro anfallen.


Welche Alternative hätte es für Jeremie gegeben?

Eine geschlossene Unterbringung wäre möglich. Die wäre laut Diakonie in etwa doppelt so teuer. Etwas günstiger wäre eine Heimunterbringung.

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