Der Tod der kleinen Chantal aus Wilhelmsburg gibt den Ermittlern noch immer Rätsel auf. Die Elfjährige war an einer Methadon-Vergiftung gestorben . Wie die Heroin-Ersatzdroge in die Hände des Kindes gelangen konnte, ist aber vollkommen unklar. Jetzt spricht erstmals Chantals Pflegemutter.
Sylvia L. ist restlos fertig mit den Nerven. „Wir gehen durch die Hölle. Uns wird keine Zeit für die Trauer gelassen“, sagt die 47-Jährige. „Sobald ich auf die Straße gehe, werde ich als Kindermörderin beschimpft.“
Wenn Eltern sehr jung sind, oder suchtkrank. Bei Krisen in Familien oder Überforderung durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit der Eltern. Sorgerecht hat meist das Jugendamt.
1300 Kinder leben in Pflegefamilien, weitere 2179 sind in Kinderschutzhäusern und Jugendwohnungen untergebracht. Denn es gibt längst nicht genug Pflegefamilien. Die meisten Kinder bleiben dort, bis sie erwachsen sind. Es gibt aber auch Bereitschaftspflege für Kinder, die nur vorübergehend betreut werden.
Ja. Das ist wichtig fürs Kind. Eltern dürfen ihre Kinder regelmäßig sehen. Besuche sind entweder in der Pflegefamilie oder auf dem Spielplatz. In seltenen Fällen darf das Kind bei den leiblichen Eltern übernachten. Das wird nur zugelassen, wenn die Eltern die Pflegefamilie anerkennen und die Lage akzeptieren.
Ja. Das Kind soll sich wohlfühlen. Es kann sich dann besser von seiner leiblichen Familie lösen und in Pflege gehen. Oft werden Großeltern und Verwandte gewählt, auch Freunde der Familie.
Sie müssen ein Führungszeugnis vorlegen. Gewaltstraftaten oder Kindesmisshandlung sind Ausschlusskriterien. Fahren ohne Führerschein nicht. Es gibt persönliche Vorgespräche im Haushalt der Familie. Auch die Wohnsituation wird kontrolliert. Die Ausbildung der Pflegepersonen umfasst 30 Wochenstunden. Die Familie hat dauerhaft eine Fachbegleitung. Einmal im Jahr gibt’s Hausbesuch vom Jugendamt.
Eher nicht. Familien müssen nachweisen, dass sie finanziell unabhängig sind. Arbeitslose würden kein Pflegekind bekommen. Gleichzeitig darf man nicht so viel arbeiten, dass keine Zeit für das Kind ist. Die Wohnung muss ausreichend groß sein. Pro Kind gibt es gestaffelt nach Alter 755 bis 909 Euro im Monat. Plus Kindergeld. Davon muss alles für das Kind bezahlt werden, was anfällt.
SAN
Eine Erklärung, wie die Heroin-Ersatzdroge Methadon in die Hände ihrer Pflegetochter kommen konnte, hat auch Sylvia L. (macht eine Umschulung zur Erzieherin) nicht: „Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wo die Lütte dieses Zeug herhat. Bei uns gibt es doch kein Heroin oder Methadon. Mein Gott! Wir haben noch nicht einmal Alkohol im Haus.“
Chantal sei es schon einen Tag vor ihrem Tod am 16. Januar „sehr schlecht gegangen“, sagt Sylvia L. „Wir sind daraufhin noch mal den gesamten Tag durchgegangen, haben überlegt, ob sie etwas Bestimmtes zu sich genommen hat. Aber uns ist nichts aufgefallen.“ Dann, einen Tag darauf, sei Chantal sehr übel geworden: „Sie hat sich übergeben, wurde bewusstlos. Ich habe versucht, sie wiederzubeleben, aber es hatte keinen Zweck.“
Woher Chantal das Methadon hatte – ein absolutes Rätsel. Gestern Mittag durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft zum zweiten Mal die Vier-Zimmer-Wohnung der Pflegefamilie an der Fährstraße. In der Wohnung leben die Pflegeeltern nach Chantals Tod nun mit ihren zwei eigenen Kindern (10, 16), einem weiteren Pflegekind (8) und drei Hunden. „Wir haben auch Blut- und Haarproben der Pflegeeltern genommen“, sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Auch der Arbeitsplatz von Pflegevater Wolfgang A. (51, Lagerist) und die Wohnung von Sylvia L.s ältester Tochter Denise wurden durchsucht. Die 27-Jährige soll früher mit harten Drogen zu tun gehabt haben. Auch von ihr haben die Ermittler Blut- und Haarproben genommen.
Einige Anwohner hatten gemutmaßt, dass Sylvia L. selbst heroinsüchtig ist. „Das ist totaler Quatsch!“, sagt die 47-Jährige. „Klar, auch ich habe Jugendsünden begangen, aber Heroin war nicht dabei!“
Der Kontakt mit dem Jugendamt sei „sehr gut“ gewesen, sagt sie. „Wir hatten regelmäßig Gespräche, alles wie vorgeschrieben. Nie hat es dabei Beschwerden gegeben.“ Chantal (Vater Ex-Junkie, Mutter Alkoholikerin) lebte seit 2008 in der Familie.
Wie es jetzt weitergehen soll, weiß Sylvia L. nicht: „Wir werden wohl erst mal woanders unterkommen müssen. Hier halten wir es nicht mehr aus.“
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Pflegeeltern weiterhin wegen fahrlässiger Tötung.
Das Jugendamt reagierte inzwischen auf die Vorwürfe. Am Mittwochnachmittag holte es alle drei Kinder aus der Pflegefamilie. Sie wurden in ein Heim gebracht - zumindest für die Zeit, bis der Fall geklärt ist.
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