Methadon-Tod von Chantal (✝11)

Jetzt spricht die Pflegemutter

Von Malte Steinhoff und Rüdiger Gaertner
Pflegemutter Sylvia L. vor der Wohnung der Familie – die 47-Jährige behauptete: „Wir haben nicht mal Alkohol im Haus.“
Pflegemutter Sylvia L. vor der Wohnung der Familie – die 47-Jährige behauptete: „Wir haben nicht mal Alkohol im Haus.“
Foto: RUEGA

Der Tod der kleinen Chantal aus Wilhelmsburg gibt den Ermittlern noch immer Rätsel auf. Die Elfjährige war an einer Methadon-Vergiftung gestorben . Wie die Heroin-Ersatzdroge in die Hände des Kindes gelangen konnte, ist aber vollkommen unklar. Jetzt spricht erstmals Chantals Pflegemutter.

Sylvia L. ist restlos fertig mit den Nerven. „Wir gehen durch die Hölle. Uns wird keine Zeit für die Trauer gelassen“, sagt die 47-Jährige. „Sobald ich auf die Straße gehe, werde ich als Kindermörderin beschimpft.“

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Wann kommen Kinder in Pflegefamilien?

Wenn Eltern sehr jung sind, oder suchtkrank. Bei Krisen in Familien oder Überforderung durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit der Eltern. Sorgerecht hat meist das Jugendamt.

Das letzte Foto von Chantal (✝11). Sie starb an einer Überdosis Methadon. Die Pflegeeltern waren drogenabhängig. Das Jugendamt wusste davon, unternahm aber nichts.
Das letzte Foto von Chantal (✝11). Sie starb an einer Überdosis Methadon. Die Pflegeeltern waren drogenabhängig. Das Jugendamt wusste davon, unternahm aber nichts.
Foto: RUEGA

Eine Erklärung, wie die Heroin-Ersatzdroge Methadon in die Hände ihrer Pflegetochter kommen konnte, hat auch Sylvia L. (macht eine Umschulung zur Erzieherin) nicht: „Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wo die Lütte dieses Zeug herhat. Bei uns gibt es doch kein Heroin oder Methadon. Mein Gott! Wir haben noch nicht einmal Alkohol im Haus.“

Chantal sei es schon einen Tag vor ihrem Tod am 16. Januar „sehr schlecht gegangen“, sagt Sylvia L. „Wir sind daraufhin noch mal den gesamten Tag durchgegangen, haben überlegt, ob sie etwas Bestimmtes zu sich genommen hat. Aber uns ist nichts aufgefallen.“ Dann, einen Tag darauf, sei Chantal sehr übel geworden: „Sie hat sich übergeben, wurde bewusstlos. Ich habe versucht, sie wiederzubeleben, aber es hatte keinen Zweck.“

Chantal starb an Methadon

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Woher Chantal das Methadon hatte – ein absolutes Rätsel. Gestern Mittag durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft zum zweiten Mal die Vier-Zimmer-Wohnung der Pflegefamilie an der Fährstraße. In der Wohnung leben die Pflegeeltern nach Chantals Tod nun mit ihren zwei eigenen Kindern (10, 16), einem weiteren Pflegekind (8) und drei Hunden. „Wir haben auch Blut- und Haarproben der Pflegeeltern genommen“, sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Auch der Arbeitsplatz von Pflegevater Wolfgang A. (51, Lagerist) und die Wohnung von Sylvia L.s ältester Tochter Denise wurden durchsucht. Die 27-Jährige soll früher mit harten Drogen zu tun gehabt haben. Auch von ihr haben die Ermittler Blut- und Haarproben genommen.

Einige Anwohner hatten gemutmaßt, dass Sylvia L. selbst heroinsüchtig ist. „Das ist totaler Quatsch!“, sagt die 47-Jährige. „Klar, auch ich habe Jugendsünden begangen, aber Heroin war nicht dabei!“

Der Kontakt mit dem Jugendamt sei „sehr gut“ gewesen, sagt sie. „Wir hatten regelmäßig Gespräche, alles wie vorgeschrieben. Nie hat es dabei Beschwerden gegeben.“ Chantal (Vater Ex-Junkie, Mutter Alkoholikerin) lebte seit 2008 in der Familie.

Wie es jetzt weitergehen soll, weiß Sylvia L. nicht: „Wir werden wohl erst mal woanders unterkommen müssen. Hier halten wir es nicht mehr aus.“

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Pflegeeltern weiterhin wegen fahrlässiger Tötung.

Das Jugendamt reagierte inzwischen auf die Vorwürfe. Am Mittwochnachmittag holte es alle drei Kinder aus der Pflegefamilie. Sie wurden in ein Heim gebracht - zumindest für die Zeit, bis der Fall geklärt ist.

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Datum:  25.1.2012
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