Erst prügelten sich rivalisierenden Fan-Gruppen, dann ging die Polizei mit ganzer Kraft dazwischen. Dabei wurden auch viele Unbeteiligte verletzt. Denn bei den Krawallen in der Alsterdorfer Sporthalle eskalierte die Situation in Windeseile, wurde schnell unübersichtlich. Mittendrin im Chaos: der 13-jährige Hamburger Tom Weidemann.
Der Schüler, der in der C-Jugend von Eintracht Norderstedt Fußball spielt und so oft wie möglich St. Pauli-Heimspiele besucht, war mit seinem Vater Thomas (42) beim „Schweinske-Cup“. Dort bekam er eine ordentliche Ladung Pfefferspray der Polizei ab. In der MOPO schildert Tom die für ihn dramatischen Momente.
Ich wollte mit meinem Freund Jonas, mit dem ich zwischendurch Pfandbecher gesammelt hatte, auf die Toilette gehen. Auf der Treppe dorthin sahen wir unten auf dem Boden schon blutende Menschen liegen. Das sah schrecklich aus. Wir gingen sofort wieder hoch und liefen zurück. Dann rannten viele St. Pauli-Fans vor den Polizisten weg, und wir waren plötzlich mittendrin, hatten große Angst.
Wir versuchten, uns hinter einem Brezelstand zu verstecken. Trotzdem bin ich von einem Polizisten mit Pfefferspray besprüht worden – obwohl ich gar nichts gemacht hatte. Jonas hatte Glück, bekam nichts ab. Für mich war’s ein heftiger Schock. Ich fing an zu weinen, weil meine Augen höllisch brannten, ich nicht mehr richtig sehen konnte. Alles geschah so unerwartet und war bedrohlich. Angst haben uns auch die Polizeihunde gemacht, die ohne Maulkorb herumliefen.
Zwei St. Pauli-Fans brachten Jonas und mich auf die andere Seite zu einem Fischbrötchen-Stand und in Sicherheit. Da waren Ordner und Sanitäter. Die versorgten mich mit Wasser, gaben mir Tropfen für die Augen, schrien: ‚Halte deine Augen auf!‘ Doch das ging kaum. Nicht nur meine Augen brannten, mein ganzes Gesicht war rot, auch Hals und der Brustkorb taten weh – gefühlte drei Stunden lang.
Als Jonas und ich endlich wieder bei meinem Vater waren, sind wir nicht gleich aus der Halle raus, weil wir befürchteten, dass draußen noch etwas passieren könnte. Wir sind bis zum Turnierende geblieben. Diesen Abend werde ich so schnell nicht vergessen. Eigentlich wollte ich doch nur Fußball gucken.
Beim DFB-Pokalspiel BFC Dynamo Berlin - 1. FC Kaiserslautern stürmen 250 bis 300 BFC-Hooligans den FCK-Block und prügeln auf gegnerische Anhänger und Polizisten ein. 18 Polizisten werden verletzt, 50 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) verurteilt Berlin zu zwei „Geisterspielen“ in der Oberliga.
Beim Drittliga-Spiel Rot-Weiß Erfurt - SV Darmstadt 98 werden 55 Personen verletzt. Die meisten nach Angaben von Erfurts Präsident Rolf Rombach durch Reizgas der Polizei.
Bei Ausschreitungen beim Drittliga-Derby VfL Osnabrück - Preußen Münster gibt es 28 Verletzte und 35 Festnahmen. Fünf Polizisten werden schwer verletzt, VfL-Anhänger hatten sie mit Feuerwerkskörpern angegriffen. Beide Clubs müssen Geldstrafen bezahlen. Das DFB-Sportgericht verfügt zudem, dass Münster in zwei Auswärtsspielen auf seine Fans verzichten muss.
In der Zweitliga-Begegnung Eintracht Frankfurt - Hansa Rostock muss die zweite Halbzeit wegen des Abbrennens von Feuerwerkskörpern im Gästeblock verspätet angepfiffen werden. Bei Ausschreitungen nach dem Spiel nimmt die Polizei 24 Fans in Gewahrsam. Rostock muss zwei Auswärtsspiele unter Ausschluss seiner Anhänger austragen und beiden Gegnern jeweils 25 000 Euro für ausgefallene Zuschauereinnahmen bezahlen.
Christian Hock, Trainer des Regionalligisten Hessen Kassel, berichtet über Morddrohungen gegen ihn via Internet. Im Training ist ein Sicherheitsbeamter vor Ort, die Polizei ermittelt.
Die DFB-Pokalpartie zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden steht wegen des Zündens von bengalischen Feuern sowie Rauch- und Knallkörpern durch Gäste-Anhänger mehrfach kurz vor dem Abbruch. Bei Krawallen rund um das Stadion werden mehrere Personen verletzt und festgenommen. Dynamo Dresden wird vom DFB für die Saison 2012/13 vom Pokal-Wettbewerb ausgeschlossen.
Beim Pokalspiel 1. FC Kaiserslautern - Eintracht Frankfurt zünden Lauterer Fans Feuerwerkskörper und greifen einen Ordner an. Auf dem Weg zum Stadion werfen Randalierer mit Flaschen, Böllern und Steinen. Mindestens acht Polizisten werden verletzt.
Die Zweitliga-Partie Hansa Rostock - FC St. Pauli steht kurz vor dem Abbruch, nachdem im Hamburger Fanblock bengalische Feuer abgebrannt werden. Rostocker Anhänger schießen daraufhin Leuchtraketen in den Gästeblock. Nach Spielschluss gibt es erneut Ausschreitungen. Der FC Hansa wird vom DFB zu einem „Geisterspiel“ am 18. Dezember gegen Dynamo Dresden verurteilt.
Die Polizei- und Sicherheitskräfte vor Ort waren überfordert mit der Masse der gewaltbereiten „Fans“. Erschwerend hinzu kam die besondere Hallensituation. In der Alsterdorfer Sporthalle ist es aufgrund der Bauweise schwer, Fangruppen voneinander zu trennen. Auch der Außenbereich ist wegen der baulichen Gestaltung unübersichtlich.
Bei den Tumulten wurden rund 80 Menschen verletzt. Rund 40 Personen hatten Augenreizungen, weil die Polizisten Pfefferspray in der Halle und außerhalb versprüht hatten. 21 Zuschauer wurden schwerer verletzt, acht mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auch auf Seiten der Polizei kam es zu Verletzungen. Elf Beamte klagten über kleinere Blessuren, drei mussten ins Krankenhaus.
Konsequenzen wird es kaum geben. Lediglich zwei Randalierer hat die Polizei festgenommen (wegen Landfriedensbruch und Widerstand gegen Polizeibeamte). Allerdings wurden 74 Personen in Gewahrsam genommen – eine Maßnahme der Polizei zur Gefahrenabwehr und zur Eindämmung der Gewalt. Aufgrund der hohen Anzahl mussten die Randalierer auf mehrere Polizeistationen verteilt werden. Sie wurden schnell wieder freigelassen.
Die Veranstalter wussten nach eigenen Angaben bis zum Beginn des Turniers nicht, welcher Art die aus Lübeck anreisenden Fans waren, von denen sich laut Organisatoren erst (zu) spät zahlreiche als „Hooligans der Kategorie C“ (gewaltsuchende Fans) entpuppten. Die Kontaktaufnahme zum Lübecker Fanbeauftragten im Vorfeld war mehrfach gescheitert. Sicherheitshalber wurde die Fan-Gruppe per Shuttle-Bus vom Hauptbahnhof zur Halle gebracht, um ein Aufeinandertreffen mit St. Pauli-Fans in S- und U-Bahn zu verhindern. Fatalerweise wurden die Krawallbrüder in die Halle eingelassen. Der Ausschluss von bekannten Gewalt-Fans sei Veranstaltersache, sagt die Polizei.
Ursprünglich hatte der HSV am „Schweinske-Cup“ teilnehmen sollen. Zum Zeitpunkt des Rückzuges des Bundesligisten (aus Sicherheitsgründen) waren bereits viele Karten für den HSV-Fan-Block verkauft. Die meisten wurden zurückgegeben, 40 aber nicht. Diese Fans mischten sich unter die Lübecker Fans. Eine Allianz aufgrund des gemeinsamen Feindbildes: St. Pauli.
An der Alsterdorfer Sporthalle sind mehrere Scheiben eingetreten worden. Zudem haben die Prügel-Fans auch in der Umgebung randaliert. Autos wurden beschädigt. Die Schadenshöhe könne noch nicht beziffert werden, sagte Veranstalter Wolfgang Engelmann.
Hooligans und gewaltbereite Fans randalieren zunehmend außerhalb großer Stadien, wo es viel Polizeipräsenz und Videoüberwachung gibt, und wo viele der Krawall-Fans Stadionverbot haben. Die Gewalt hat sich in den letzten Jahren sukzessive in die unteren Ligen verlagert, wo die Gefahr, erwischt zu werden, geringer ist. Deshalb ist ein kleines Hallenturnier – traurig, aber wahr – ein „lohnendes Ziel“.
Krawalle dieser Größenordnung bei Hallenturnieren sind selten. Der bislang gravierendste Vorfall ereignete sich 2006 in Köln. 40 Anhänger von Eintracht Frankfurt waren ohne Eintrittskarte in die Arena und den Block von Aachener Fans gestürmt. Diese wiederum griffen kurz darauf die Kölner Anhänger an. 150 Randalierer wurden in Gewahrsam genommen.
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