Es türmen sich Berge von Klamotten, Schuhen, Schminke oder Elektrogeräten: Jeder vierte Deutsche kauft zu viel. Nicht, weil er die Dinge braucht, sondern als Ausgleich für emotionale Probleme. Die Zahl der Kaufsüchtigen steigt – auch viele Hamburger sind betroffen. „Ich liebe dieses positive Gefühl“, sagt Alina A., und ihre Augen strahlen. Jede Woche dekoriert sie ihre Wohnung komplett neu, vom Tischläufer bis zum farblich passenden Blumenstrauß. Dafür zieht die 24-jährige Künstlerin alle zwei Tage los, kauft in rauen Mengen Dekoartikel. Die Accessoires der Vorwoche werden dann in Kisten verpackt, die sich mittlerweile auf dem Dachboden und sogar schon auf dem Fußboden der Wohnung stapeln.
„Ich suche nach dieser Harmonie, das ist schön“, versucht A. ihren Einkaufsfimmel zu erklären. „Vielleicht liegt das auch an meiner Kindheit. Die war nämlich nicht so schön.“ Geprägt von vielen Umzügen zwischen England, Deutschland und den Niederlanden und Eltern, die beruflich viel unterwegs waren, sagt Alina A.
Mit ihrer Einkaufslust ist die Künstlerin nicht allein. Fast jeder vierte Deutsche verfällt regelmäßig dem Kaufrausch. Die Betroffenen erwerben Dinge als Ausgleich für emotionale Probleme – und nicht etwa, weil sie die Sachen bräuchten. Das bestätigte jetzt eine Studie der Konsumforscherin Lucia Reisch. „Kaufsucht hat viel mit Kompensation zu tun. Der schnelle Kick, das kurze Glück, das kurzfristige Vergessen der täglichen kleinen und großen Frustrationen“, sagt Reisch.
Als „Opfer der Internetshopping-Mafia“ bezeichnet sich Peter Z.* (35). Seit 2010 hat der Taxifahrer mehr als 6000 Euro für seine Kaufsucht ausgegeben. „Mir wird gerade etwas übel“, sagt er, während er die Summe zusammenrechnet. Sein Problem: Abends im Bett, kurz vor dem Einschlafen, greift er immer zu seinem Handy. Dann öffnet er die App zum Zalando-Shop: „Es ist so easy, nur ein paar Klicks, und ich habe schon wieder etwas bestellt“, sagt er. Mittlerweile türmen sich Schuhe, Hosen und Hemden in seiner Wohnung. „Warum ich das mache? Ich weiß es nicht!“, sagt Peter Z. Vor rund fünf Monaten hat ihn seine Freundin verlassen, da habe das wieder angefangen mit dem Bestellen.
Auch Studentin Yasmina R. (28) hat Probleme mit ihrer Kaufsucht. „Ich bin vor Kurzem umgezogen und habe vorher aus meiner alten Wohnung die Möbel verkauft“, sagt sie. „Mit dem Geld bin ich dann leider wieder shoppen gegangen. Jetzt ist nichts mehr da, um neue Möbel zu kaufen.“
Fast täglich sei sie unterwegs, auf der Suche nach Unterwäsche, Jacken oder Schuhen. Sobald Geld auf dem Konto ist, geht’s wieder los zur Einkaufsmeile. Danach landen die meisten Tüten in einem der leeren Zimmer ihrer Wohnung – unausgepackt! „Ich bin gerade auf der Suche nach einem weiteren Job, um das alles zu finanzieren“, sagt Yasmina R. Sie weiß, dass sie kaufsüchtig ist. „Aber ich denke einfach immer, ich muss mir mal was gönnen. Das Einzige, was mich dann stört: dass mir die Sachen nach dem Kauf gar nicht mehr gefallen.“
Im Vergleich zu 2010 ist der Anteil Kaufsüchtiger von sieben auf fast zwölf Prozent gestiegen. Das ergab eine Studie von Konsumforschern der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Die Zahl derer, die durch Konsum negative Gefühle kompensieren, ist von zehn Prozent im Jahr 2011 auf 14 Prozent gestiegen. Damit kauft insgesamt fast jeder vierte Deutsche nicht nur zur Bedarfsdeckung ein, sondern auch als Ausgleich für emotionale Probleme – bis hin zum pathologischen Kaufzwang.
*Name geändert
Barmbek oder Blankenese, Eimsbüttel oder Eppendorf: Machen Sie den Test, welcher Hamburger Stadtteil am besten zu Ihnen passt!
So wird der Kiez-Abend ein Erfolg: MOPO.DE zeigt Ihnen zehn lustige Party-Anwendungen für das Smartphone.