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Im Schanzenviertel: Hamburger (29) schneidert Mode aus Latex

In einem Hamburger Hinterhaus im Schanzenviertel schneidert der Max Kuhl (29)  Kleider, Korsagen oder Hosen aus Latex, die später wie eine zweite Haut getragen werden.
In einem Hamburger Hinterhaus im Schanzenviertel schneidert der Max Kuhl (29) Kleider, Korsagen oder Hosen aus Latex, die später wie eine zweite Haut getragen werden.
Foto: dpa

Max Kuhls Kunden mögen es eng und extravagant. In einem Hamburger Hinterhaus im Schanzenviertel schneidert der 29-Jährige Kleider, Korsagen oder Hosen, die später wie eine zweite Haut getragen werden. „Immer mehr Menschen trauen sich, ihrer Neugierde auf Latex einmal nachzugeben“, sagt Kuhl. Dazu tragen seiner Ansicht nach auch Stars wie Lady Gaga oder Katy Perry, die bei ihren Konzerten immer wieder in Latex-Outfits auftreten, und der Erotik-Bestseller „Shades of Grey“ bei. Dennoch werde Latexkleidung noch immer oft als Fetischfummel stigmatisiert.

Fetische, eine Form der Sexualität, die auf Dinge gerichtet ist, waren bis ins vergangene Jahrhundert hinein verpönt. Doch mit dem Wandel der Sexualmoral habe auch die Akzeptanz verschiedener Sexualpraktiken und neuer Formen zugenommen, erklärt Sexualforscher Volkmar Sigusch. Ausgenommen davon seien heute lediglich Pädophilie oder sehr entlegene Praktiken und Vorlieben wie beispielsweise Kannibalismus. „Generell werden heute Fetischisierungen mit Hilfe bestimmter Materialen oder Accessoires grundsätzlich akzeptiert.“

Trotzdem wird Gummikleidung immer wieder mit Hardcorefetisch assoziiert. Kuhl hält von solchen Vergleichen nichts. „Man muss kein Hardcorefetischist sein, um Latex zu tragen“, sagt der hagere Mann in Jeans und weißem Hemd. Seine Kunden beschreibt er als eine sehr heterogene Gruppe: „Da ist vom Arbeitslosen bis Vorstandsvorsitzenden alles dabei“, erklärt er.

Dass Kleidungsstücke aus Naturkautschuk dennoch selten abseits der Showbühnen in der Öffentlichkeit getragen werden, liegt seiner Meinung nach vielmehr am Material selbst: „Für den Alltag ist es sehr unpraktisch.“ Latex ist extrem empfindlich. Licht oder der Kontakt mit Fetten und Ölen zerstören das Naturprodukt, die Pflege ist sehr zeitintensiv.

Das Material ist nicht nur teuer, es erschwert auch die Anfertigung der Mode. Für ein Kleid braucht Kuhl zwar weder Nähmaschine noch Garn. Im Gegenteil: Nähte sind hinderlich, das Latex droht zu reißen, stattdessen wird geklebt. „Eine Schule oder Ausbildung gibt es nicht“. Sieben Festangestellten hat der Hamburger das Handwerk beigebracht. Seit der Übernahme der Londoner Latexmodenmarke „Inner Sanctum“ führt Kuhl eines der größten europäischen Labels. Rund 19 000 Kunden hat er weltweit.
Offizielle Angaben über die Beliebtheit von Latexmode in Deutschland gibt es nicht. „Im klassischen Modebereich gibt es immer mal wieder Wellen, in denen Latex auftaucht und dann auch verkauft wird“, sagt Axel Augustin, Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Textileinzelhandels (BTE). Zum Beispiel, wenn gerade Latex-Leggins oder Kunstleder in Mode seien. Ansonsten sei Latex beim BTE jedoch kein Thema.

Anders als in den USA ist die Szene der Latexmoden-Designer in Deutschland klein. „Es ist schon noch eine Randerscheinung“, sagt Kuhl. Nach seinen Angaben arbeiten viele allein zu Hause und bieten ihre Stücke im Internet an. Hauptberuflich dürften es zwischen fünf und zehn Designer in Deutschland sein, schätzt der gelernte Mediendesigner.

Obwohl er mit seinen Labels mehr Farbe in die Latexmode bringen will, greifen die meisten seiner Kunden weiterhin zu schwarzen Outfits. „Frauen sind da noch experimentierfreudiger als Männer“, sagt Kuhl, der selbst gerne in Clownskostüm oder einem braunen Latexanzug im Stil der 70er Jahre feiern geht. „Wir haben auch schon ein Hochzeitskleid geschneidert.“

Aller Offenheit zum Trotz: „Anonymität und Diskretion sind das höchste Gebot, die Leute erzählen mir oft ihre sexuellen Vorlieben.“ Auch auf den Kartons und Lieferscheinen sucht man das Wort „Latex“ vergeblich: „Die Nachbarn müssen ja nicht alles wissen.“

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