Ihr grausames Schicksal

So traurig war Chantals (✝11) Leben

Das letzte Foto von Chantal (✝11). Es wurde im Dezember aufgenommen.
Das letzte Foto von Chantal (✝11). Es wurde im Dezember aufgenommen.
Foto: RUEGA

Sie hatte so viele Wünsche, so viele Träume. Krankenschwester, so hat sie mal einem Nachbarn erzählt, möchte sie werden. Anderen helfen, das wollte sie. Ihr aber hat niemand geholfen. Eine Methadon-Vergiftung beendete ihr Leben. Ein unfassbar trauriges Leben!

Chantal wurde 11 Jahre alt. Aber in dieser kurzen Zeit hat sie so viel durchgemacht! Ihr Vater: drogenabhängig. Ihre Mutter: eine schwere Trinkerin, die mit 41 Jahren starb. 2008 suchte das Jugendamt eine Pflegefamilie für das Kind. Und wo landete es? Ausgerechnet bei einem Ehepaar, das selbst süchtig war, mit der Ersatzdroge Methadon versorgt wurde.

Und das Leiden ging weiter. Nachbarn erzählen unfassbare Dinge. Dass die Wohnung ein einziges Chaos sei, dreckig und vermüllt. Dass Chantal mit der älteren Pflegetochter (16) immer mittwochs ab 21 Uhr Zeitungen austrug. „Bis 23 Uhr waren die dann unterwegs. Die waren total müde danach. Und morgens um 7 mussten sie dann aufstehen und zur Schule“, sagt Nachbarin Peggy Stagge. Auch von Gewalt erzählt die 34-Jährige: „Ich habe gesehen, wie Chantal im Hausflur geschlagen wurde. Und wie ihr gleich danach die Mutter einbläute, sie solle sagen, sie sei gefallen.“

Eine ehemalige Arbeitskollegin der Pflegemutter beteuert zwar, dass Sylvia L. Chantal „auf ihre Weise geliebt hat“. Doch je länger Chantal bei den Pflegeeltern war, desto trauriger habe sie gewirkt, sagt Stagge. „Am Anfang war sie noch freundlich, lustig, grüßte immer, freute sich, wenn ich ihr mal Schokolade zusteckte.“ Irgendwann aber sei sie nur noch gesenkten Hauptes durch den Hausflur geschlichen. Sie habe wie ein „seelisches Wrack“ gewirkt, ihre Augen müde und traurig.

Hier wohnte Chantal: Nachbarin Peggy Stagge (34) vor Kerzen und Stofftieren.
Hier wohnte Chantal: Nachbarin Peggy Stagge (34) vor Kerzen und Stofftieren.
Foto: MOPO

Es war wohl zu dieser Zeit, dass Chantal sich hinsetzte und einen Brief an ihren leiblichen Vater und ihre Schwester schrieb: „Bitte, holt mich aus dieser schrecklichen Familie. Ich will zurück zu Euch.“ Aber das Jugendamt hat es nicht erlaubt.

Dabei muss dort bekannt gewesen sein, wie Chantal bei den Pflegeeltern litt. „Im Sommer 2011, als es besonders schlimm war, habe ich die Zustände ja selbst gemeldet!“, sagt Stagge.
Das bestätigt auch Sozialpädagoge Thomas W. vom „Insel e.V.“. „Ich habe die Vorwürfe in der zweiten Juli-Woche dem Jugendamt mitgeteilt“, so W. Auf spätere Nachfragen habe er aber keine Antwort erhalten.

Chantal musste selbst für sich sorgen. „Sie war ein sehr intelligentes Mädchen“, sagt eine Bekannte der Familie. „Chantal war gezwungen, mit all den gebrochenen Erwachsenen in ihrem Umfeld umzugehen.“ Als ihr Vater einen Zusammenbruch hatte, wollte sie zu ihrer Mutter. Als die abstürzte, kroch sie bei ihrer späteren Pflegemutter unter. Entschieden hat sie immer selbst. „Chantal war sehr jung, aber sie wusste, was sie wollte.“

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Datum:  28.1.2012
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