Heiko Z. züchtet Cannabispflanzen. Doch jetzt haben Diebe die drei mannshohen Gewächse von seinem Balkon im zweiten Stock geklaut. Der 48-Jährige ist entsetzt, erstattet Anzeige bei der Polizei. Doch anstatt die Täter zu fangen, ermitteln die Beamten gegen den Osdorfer: wegen illegalen Anbaus von Cannabis.
„Die im 50-Liter-Kübel stand schon in voller Blüte“, sagt Heiko Z. Etwa 1,60 Meter sei sie hoch gewesen. „Das war mein Wintervorrat!“, empört er sich. Rund 800 Gramm hätten die Pflanzen wahrscheinlich abgeworfen. Und jetzt – alles umsonst. Wochenlang hat er die Pflanzen umsorgt, gegossen, gedüngt, ja, sogar mit ihnen gesprochen. Bis die Diebe kamen um ein Uhr nachts. Zwei dunkle Gestalten habe er weghuschen sehen, sagt Heiko ganz verzweifelt.
Denn der hagere Mann aus Osdorf ist todkrank, er leidet unter anderem an Hepatitis C. Marihuana ist seine tägliche Medizin. Heikos Leben ist trotz zahlreicher Medikamente – darunter Diazepam und Morphin – eine schmerzende Hölle. Zwei, drei Jahre hat er vielleicht noch.
Aber Heiko ist eine Kämpfernatur. Und Cannabis sein Verbündeter: Raucht Heiko einen Joint, ist er wieder lebensfähig. Muskelkrämpfe lassen nach, Schmerzen werden erträglich, durch den Wirkstoff THC kommt der Appetit zurück. „Ich kriege sonst nichts runter“, sagt er. Deshalb baut er seine Medizin einfach selber an. Im Winter im stromfressenden Wärmezelt in der Küche, im Sommer auf dem Balkon.
Aber in Deutschland ist das verboten! Vor vier Jahren schon kommt es deshalb zum Prozess, doch Heiko wird freigesprochen: wegen „rechtfertigenden Notstands“. Das bedeutet: „Ohne Cannabis würde er schlicht und einfach verhungern“, erklärt sein Anwalt Stefan Reid. Das ist auch für den Richter des Landgerichts offensichtlich, in einer nachfolgenden Berufungsverhandlung wird das Verfahren eingestellt.
Kiffen darf Heiko übrigens ganz legal. Er ist einer von 94 Patienten in Deutschland, die eine Ausnahmegenehmigung der Bundesopiumstelle besitzen. Damit kann er Cannabis zur medizinischen Verwendung in der Apotheke kaufen. Nur leisten kann er sich das nicht von seinem monatlichen Hartz-IV-Satz. Und so baut Heiko weiter an. Er hat ja nichts zu verlieren – außer seinem Leben.
Trotzdem liegen immer wieder Anzeigen gegen Heiko vor. „Warum tun die mir das an?“, fragt er. Er will doch nur seine Ruhe, einigermaßen schmerzfrei leben. Jetzt, nach dem Diebstahl, fühlt er sich nicht mehr sicher in seinem Zuhause, möchte umziehen. „Ich hoffe so sehr, dass ich eine andere Wohnung finde“, sagt er. Hinweise an: hamburg@mopo.de
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