Lautes Kindergeschrei und der nervige Verkehr beim Bringen und Abholen – so etwa stellen sich die Anwohner der Geibelstraße in Winterhude wohl den Alltag mit einer Kita vor. Deshalb nutzen sie nun alle rechtlichen Winkelzüge, um zu verhindern, dass nebenan eine Kita einzieht. Zu den Anwohnern gehört auch Marie-Luise Tolle. Die gelernte Englisch-Lehrerin hat als Gleichstellung-Beauftragte viele Jahre für die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf gepredigt.
Der Gewerbehof in Winterhude liegt ruhig in zweiter Reihe. Das einzeln stehende Flachdach-Gebäude würde sich für eine Kita bestens eignen. Die Baugenehmigung des Bezirks Nord liegt vor, Kita-Betreiberin Lorelly Bustos Córdoba hat bereits weit mehr als 50000 Euro in den Umbau gesteckt. „Ich war so froh, dass ich einen Vermieter gefunden habe, der bereit ist, an eine Kita zu vermieten“, sagt sie. 55 Plätze soll ihre Einrichtung haben, davon ist schon jetzt die Hälfte belegt. „Es gibt hier einfach einen großen Engpass im Stadtteil.“
Doch Córdoba und ihr Vermieter haben die Rechnung ohne die 18 Anwohner der Eigentümer-Gemeinschaft gemacht. Die anliegenden Architekten, Studios und privaten Bewohner sorgen sich offenbar um den Wert ihrer Eigentumswohnungen und Ateliers. Hinter vorgehaltener Hand wird über Kinderlärm und Parkplatznot geschimpft. Öffentlich äußert sich kaum jemand. Die Eröffnung der Kita wird seit Dezember erfolgreich verhindert und zwar ganz einfach: Die gläserne Eingangstür ist für eine Kita zu schmal und müsste um 20 Zentimeter verbreitert werden. Da das eine Veränderung der Fassade ist, geht das nicht ohne grünes Licht der Eigentümer-Gemeinschaft.
Zu den Wohnungs-Eigentümern gehört auch Marie-Luise Tolle (60). Sie ist heute Amtsleiterin in der Kulturbehörde und war jahrelang für Gleichstellung zuständig. In einem Artikel in der „Welt“ äußerte sie, „nur mit Kindern kann es geistiges, wirtschaftliches und emotionales Wachstum geben.“ Solange Schwangerschaft ein Stigma sei, müsse man sich über den Kinderrückgang nicht wundern.“ Gegenüber der MOPO wollte sich Frau Tolle nicht äußern.
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