Du Hamburg, wir müssen reden. Wie fange ich an? Ich bin hier geboren, und als ich zum Studium wegmusste, hat das sehr wehgetan. Immer, wenn ich in den Zug stieg und über Deine Elbbrücken gen Ruhrgebiet ratterte, musste ich heulen.
Heute kriege ich keine feuchten Augen mehr. Eher freue ich mich, mal eine von den anderen zu sehen. Berlin etwa, die aufregender ist als Du. Oder München.
Ja klar, den Vorwurf mit dem Wetter findest Du unfair. Ein bisschen Regen ist kein Trennungsgrund? Das stimmt. Aber ich bin ja auch noch lange nicht fertig.
Da wäre zum Beispiel Deine Engstirnigkeit. Als ich wieder hierherzog, ins randseitige Rahlstedt, da quittierte das eine Bekannte mit dem Satz: "Wirklich? Also ich hab' noch nie außerhalb der Stadt gewohnt." Nie seinen Hintern aus Eimsbüttel rausbewegt und auch noch stolz darauf. So bist Du, provinziell und selbstgerecht. Hältst Dich für den Nabel der Welt. Dabei bist Du nicht einmal der Nabel der Republik.
"Weltstadt an der Elbe" - glaubst Du diesen Scheiß wirklich? Warst Du schon mal in London, New York -oder einfach nur in Berlin? Dann wäre Dir klar, dass Du kein heißer Feger bist. Im globalen Maßstab gehst Du als bessere Landpomeranze durch. Aber als Weltstadt? Du bist bestenfalls das Bielefeld unter den Weltstädten.
Sobald man sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen hat, fängst Du so richtig an zu nerven, mit Deinem selbstgefälligen Lokalpatriotismus. Dann wird einem schlecht, wenn die besoffene Menge "Hamburg, meine Perle" grölt.
Sicher, ein paar Ecken von Dir sind dufte: Die Außenalster, Planten und Blomen, der Stadtpark. Aber warum, glaubst du wohl, ist es dort so unfassbar voll? Weil der Rest nicht weiter der Rede wert ist, deshalb. Wenigen schönen Flecken steht raumgreifende Ödnis gegenüber.
Während man aus München oder Frankfurt, Letztere beileibe keine Schönheit, zumindest ins Umland flüchten kann, gibt es für Deine Bewohner kein Entrinnen: Um Dich herum existieren nur Sumpfgebiete wie Pinneberg. Dort gibt es absolut nichts.
Jetzt wirst Du sagen, dass man Städte so nehmen muss, wie sie eben sind. Hast einen Punkt. Du kannst ja nichts für den Regen, und für Wandsbek-Ost kannst Du auch nichts. Was ich Dir aber wirklich übelnehme ist, dass Du in den vergangenen Jahren angefangen hast, mich immer schlechter zu behandeln.
Das passiert ja manchmal, wenn man lange zusammen ist, aber Du hast es echt zu weit getrieben. Andere Städte geben sich Mühe, es ihren Bürgern nett zu machen. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass man mit dem Rad fahren kann, ohne täglich den Unfalltod zu riskieren. Du nicht. Du bist immer noch eine Autostadt. Ich habe gehört, dass Du 2011 "Green Capital Of The World" wirst. Ist das ein Witz? Genauso gut könnte man Berlin zur "Freundlichsten Metropole der Welt" küren.
Außerdem arbeitest Du hart daran, zur kinderfeindlichsten Stadt Deutschlands zu werden. Du hast das Essensgeld in Kindergärten um 60 Prozent erhöht. Du würdest gern die Elternschulen schließen und das Altonaer Museum plätten -während Du gleichzeitig für mehr als 300 Millionen Euro die Elbphilharmonie baust. Ja, das passt zu Dir: Das kleine Museum, das keinen Touristen interessiert, das Familien aber lieben, machst Du dicht. Die Philharmonie, die den Einheimischen schnurz ist, bei Besuchern aber für ein großes "Ahh" sorgt, für die hast Du Geld. Früher rümpftest Du über Düsseldorf und München die Nase, weil die sich immer so aufgedonnert haben. Heute hast Du selber nichts anderes mehr im Kopf als die Frage, wie Du Blicke auf Dich ziehen kannst. Protzig bist Du geworden, prunksüchtig und oberflächlich.
Davon verstehe ich nichts? Das nennt man Standortmarketing? Ach, hör bloß auf. Ich weiß, Du bist unheimlich stolz auf Deine Megaevents. Und darauf, dass die Hotelübernachtungen um 30 Prozent gestiegen sind. Merkt man: Wenn ich im Sommer durch die City laufe, ist alles voll mit schwäbelnden Rucksackträgern in Funktionswesten. Nachts kriege ich kein Auge zu, weil der Feuerwerkslärm aus der Stadtmitte herüberschallt und die Schiffshörner vom Fluss heraufdröhnen.
Gratuliere, Hamburg, Du hast es geschafft. Du bist zum Elb-Disneyland geworden, zum Hansepark. Alle Bielefelder besuchen Dich, weil sie das Bielefeld der Weltstädte sehen wollen. Tarzan-Musical, Kiezbummel und ein kleiner Ausflug ins pittoreske Schanzenviertel -nebst Abendessen bei Tim Mälzer.
Klingt verbittert? Ich bin nur neidisch auf Deinen Erfolg? Ach, Hamburg, Du bist blasierter als jedes Pöseldorfer Perlhuhn.
Touristen kommen und gehen. Das Einzige, was Du erreicht hast, ist, Deine Bürger nachhaltig zu vergrätzen. Deine Leute! Die Dich immer verteidigt haben. Für die müsstest Du mal Standortmarketing machen. Ist Dir bewusst, dass ein Krippenplatz in Hamburg fast dreieinhalb Mal so viel kostet wie in München? Was ich da mache? Wonach sieht es denn aus? Ich packe. Ich suche mir eine Stadt, die sich freut, dass ich in ihr wohne. Und ich werde nicht der Einzige sein, der abhaut.
Du hattest mal diese Idee der "Wachsenden Stadt", wolltest zwei Millionen Einwohner. Was Du nicht kapiert hast: Man muss nicht nur Neubürger dazugewinnen, sondern auch dafür sorgen, dass die Bestandskunden nicht durchbrennen. Genau das passiert einem aber, wenn man sich so verhält wie Du."
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