„Mein erstes Mal“. Egal, ob famos oder fies, berauschend oder enttäuschend – den ersten Sex vergisst man nie. Auch wann ES passiert, hat sich im Laufe der Jahre nicht groß verändert.
Männer kamen früher wie heute meist mit Mitte 16 erstmals zum Zuge, Mädchen wenige Monate vorher. Jutta Vey brachte mittlerweile drei Bücher zu diesem Thema heraus, interviewte Jung und Alt. Mit ihrem neuesten Werk „Mein erstes Mal – Männer aus vier Generationen erzählen“ (Schwarzkopf und Schwarzkopf-Verlag) schließt sie den Kreis von Jung und Alt, Mann und Frau.
Wir lassen Menschen aus drei Generationen zu Wort kommen und sprachen mit der Autorin.
Jürgen (62), Sozialpädagoge: „Mit 13 habe ich zum ersten Mal einen nackten Busen gesehen. Ich habe durchs Schlüsselloch gelinst, als meine Mutter gerade badete… Mein erstes Mal hatte ich mit 15. Es war die reine Gier nach Sex. Es ging nur um den Geschlechtsakt. Mein Freund Uwe und ich trafen zwei Mädchen im Eiscafé, sie waren Krankenschwestern und ein paar Jahre älter als wir. Etwas außerhalb der Stadt lag ein Jugendzentrum. Das war nach acht geschlossen, aber ein Fenster war immer auf Kippe, und wir wussten, wie es aufging. Das war schon aufregend. Jedes Pärchen machte es sich in einer Ecke gemütlich. Erst haben wir geknutscht, dann ging es weiter. Sie war die Aktive. An den Akt an sich, an die genauen Umstände, kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich denke, sie hat da schon mitgeholfen. Mir war zwar klar, wo was hingehört, aber wie das in der Praxis abläuft, wusste ich nicht… Danach fühlten Uwe und ich uns wie die Kings. Wir redeten auch darüber, aber nur auf einer oberflächlichen Ebene. Es ging um die Brustgröße der beiden, wie sexy sie waren…
Gerdi (85): Ich hätte keinen besseren kriegen können fürs erste Mal. Es war im Jahr 1945. Ständig kamen neue Flüchtlingstrecks, ständig war das Haus voll. Ich musste rund um die Uhr mit anpacken, hatte überhaupt keine Freizeit. Er kam Ende September, wollte zurück nach Meißen. Groß, schneidig, blond, mit blauen Augen. Ein Künstler. Ich wollte, dass er mein Erster ist. Ich war ja nun auch schon zwanzig. Das war bei uns damals alt für das erste Mal. Wilhelm und ich sahen uns jeden Tag. Dann kam der 10. Oktober, mein Geburtstag. Da hatten wir zum ersten Mal Händchen gehalten. Später am Abend ist es dann in unserer Küche passiert. Angst hatte ich überhaupt nicht. Dass er schon erfahren war, merkte man. Er wusste genau, was er tat. Er war sehr lieb und sehr vorsichtig. Weh tat überhaupt nichts. Ich muss sagen, es war wunderbar. Das kann ich nur jeder Frau wünschen. Er hätte mich liebend gern mit zurückgenommen nach Meißen, aber es ging nicht. Ohne mich wäre unsere Gastwirtschaft zusammengebrochen.
Ich habe ihn ziehen lassen. Das bereue ich heute noch. Ich habe geheiratet, mich 1961 scheiden lassen. Da war ich 35. Seitdem war ich mit keinem Mann mehr zusammen…
Konstantin (21) Schlagzeuger: Bei einem Musikfestival in Bonn fiel mir die Bekannte eines Bandkollegen auf. 1,78 Meter, blond, blaue Augen, üppige Oberweite. Sie war ein bisschen schlampig, Beziehungen halten bei ihr nicht lange, und sie schläft auch schon mal mit jemandem auf einer Party. Ich wusste: Mit der möchte ich gern ficken. Ich schrieb ihr zwei Wochen später eine SMS. Abends um 18 Uhr stand sie vor der Tür. Nach einer Flasche Rosé lagen wir im Bett, da kam bei mir doch die Aufregung hoch: Hoffentlich gefällt ihr mein Schwanz, ich hab’ dort einen weißen Fleck, eine Pigmentstörung. Hoffentlich stört sie sich nicht daran, dass ich beschnitten bin. Ich glaube, das geht jedem Mann so… Wir haben gleich ein paar Stellungen ausprobiert. Für mich war’s richtig toll, intensiv, einfach super – auch wenn ich nicht gekommen bin. Besser kann man 9 Cent – für die SMS – nicht investieren. Meiner Mutter habe ich es gleich erzählt und ihr beschrieben, wie es war. „Das freut mich, klingt ja richtig gut“, meinte sie.
Robert (84), Klempner: Durch die katholische Erziehung war einem in Fleisch und Blut übergegangen, dass alles Geschlechtliche Sünde sei. Die Aufklärung fand auf der Straße statt. Richtig angefangen hat es bei mir erst gegen Ende der Gefangenschaft in einem Flüchtlingslager. Mit einem Flüchtlingsmädel hatte ich kurz nach Kriegsende mein erstes Mal. Sie kam aus Schlesien, war ein paar Jahre älter als ich. Ich glaube, sie hat den Anfang gemacht… Bammel hatte ich nicht. Ich habe überhaupt nicht nachgedacht. Schon gar nicht über Verhütung. Kaum waren wir in meinem Zelt, ging es auch schon los. Sie zerrte an meiner Hose. Sie wusste genau, was zu tun war, und lernte mich ein bisschen an. Für mich war das erste Mal ein richtig schönes Erlebnis. Ich hatte es vorher schon ab und zu mal selbst gemacht, aber mit einer Frau, das ist etwas völlig anderes. Ihr hat es leider nicht gefallen. Sie schimpfte hinterher jedenfalls ziemlich mit mir, weil ich so schnell fertig war.
Franziska (24), Verkäuferin: „Mit jedem Mann wird’s schöner“, hat meine Mutter gesagt. Bei mir stimmte das auch: Der Erste war der schlimmste, der Siebte war der geilste. Nach dem ersten Mal dachte ich: „Das ist Sex? Was um Himmels willen ist daran so schön?“ Es war verkrampft, eklig, ganz schrecklich. Ich hatte es mir so komplett anders vorgestellt. Kerzen, Rosen, Musik. Ich stellte mir vor, dass er mich überall zärtlich streichelt, alles sehr behutsam macht und ganz, ganz langsam in mich eindringt. Es war null romantisch. Ich dachte ja, ich würde innerlich explodieren wie ein Vulkan. Und was war? Gar nichts. Erst mal hat er mich nach oben gesetzt, und da saß ich dann. Wir haben es viermal probiert, aber er war immer nur kurz drin, ist ständig wieder rausgeflutscht. Weil’s auch total wehtat, hab ich irgendwann gesagt. „Ich will das so nicht mehr.“
Kaum war er fertig, kam zur Krönung noch der Satz: „Na, wie war ich?“ Im Nachhinein hätte ich doch lieber warten sollen, um ein bisschen reifer zu sein.
Karl-Heinz (68), pensionierter Schlosser: Mein Vater war im Kirchenvorstand, Sitte und Moral waren das A und O. Als ich meine erste Freundin hatte, waren „Mach mir keine Dummheiten“ und „Komm ja nicht mit einem Kind nach Hause“ die beliebtesten Sätze. ... Weil ich Irmgard nicht mit nach Hause bringen durfte, konnten wir erst mal keine Liebe machen. Als meine Eltern auf den Geburtstag einer Tante gingen, war zu Hause endlich sturmfrei. Im Kinderzimmer ging die Liebelei auch gleich los. Ein bisschen knutschen, ein bisschen schmusen, wie man das halt so macht bei Mädchen. Wir benutzten einen Pariser. Ich hatte mir drei für eine Mark gezogen. Das war viel. Damals gab’s ja nur drei Mark Taschengeld die Woche. Wir waren gerade so richtig zugange, als wir ein Klicken hörten. Jemand drehte den Schlüssel im schloss um. Meine Eltern! Irmgard zog ihren Rock runter, ich meine Hose hoch.
Für Frauen scheint das erste Mal ja ein Weltereignis zu sein. Das ist bei uns Männern nicht so. Man hatte es hinter sich, und gut war’s. ... Mit 16 hatte ich auch noch ein anderes erstes Mal – im Puff. Ein schlechtes Gewissen gegenüber Irmgard hatte ich nicht. Es war ja keine Liebe im Spiel, ich hab mich einfach abreagiert. Rein, raus, rein, raus, fertig. Wenn das die Irmgard gemacht hätte, wäre ich natürlich böse geworden.
Ronald (49), Gastronom: Es war kurz vor meinem 17. Geburtstag. Erst haben wir es klassisch versucht. Ich war völlig hippelig und aufgeregt. Sie aber auch. Wir saßen uns im Schneidersitz gegenüber, als ich eine Erektion bekam. Dann versuchte ich, das Ding rüberzukriegen. Das Ganze war aber so skurril, dass meine Erektion schnell wieder flöten ging. Katja lag inzwischen unten, ich irgendwie obendrauf. Ich spürte, es ging nicht vorwärts. Sie war trocken, ich supernervös. Ich glaube, wir haben eine geschlagene halbe Stunde rumprobiert, waren irgendwann total frustriert. Dann ging ich ins Bad. Als ich auf dem heruntergeklappten Klodeckel saß, kam Katja und setzte sich auf mich. Jetzt lief es quasi von alleine. Die sexuelle Verbindung, die wir hatten, hielt lange – 20 Jahre. Wir hatten lange Pausen, andere Partner, kamen aber immer wieder zusammen. Wenn wir uns gesehen haben, hatten wir meistens auch Sex.
Wer erinnert sich besser ans erste Mal?
Jutta Vey: Interessanterweise können sich mehr Männer an Details erinnern als Frauen. Einer der Jungen aus meinem Teenager-Buch wusste sogar noch, was seine Freundin an dem Tag anhatte. Sie dagegen wusste es bei ihm nicht mehr.
Was hat Sie bei all den Interviews am meisten überrascht?
Dass das erste Mal für Männer und Frauen über alle Generationen, Aufklärungsunterschiede und persönliche Hintergründe hinweg eine Zäsur ist, die das Leben in ein Vorher und Nachher teilt. Die Teenager heute mögen noch so aufgeklärt sein: Beim ersten Mal sind sie genauso unsicher wie alle Generationen vor ihnen.
Gehen Jugendliche unverkrampfter mit dem Thema (Sex) um als früher?
Oberflächlich betrachtet schon, denn Sex ist ja omnipräsent. Man redet ganz oft darüber, liest davon, sieht es in Film und Fernsehen. Wenn es allerdings um das Entdecken und Ausleben der eigenen Sexualität geht, ist es mit der Lässigkeit vorbei. Das Zuviel an Informationen und nicht zuletzt der Druck, der von vielen Medien aufgebaut wird nach dem Motto: Wer älter als 18 ist, ist ein Alien, der kommt bei den Teenagern an.
Sind Versagensängste bei Jugendlichen heute größer, weil sie zu viel über Sexpraktiken gelesen haben?
Eindeutig ja! Vor allem die Bilderflut führt dazu, dass sich die Teenager viel mehr Gedanken machen. Viele Mädchen haben einen romantischen Film im Kopf, dem die Realität nicht standhalten kann. „Was, das war's jetzt?“, denken viele danach enttäuscht. Die Jungs wiederum, vor allem die, die Pornos gesehen haben, setzen sich unter Leistungsdruck. Dazu kommt aber auch, dass die Mädchen heute viel fordernder sind. Auch damit müssen sie umgehen.