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Fremdgehen ist normal: Ist Treue wirklich out?

 Foto: dpa

Treue ist für die meisten Menschen die Basis einer Beziehung. Wenn der Partner fremdgeht, zerstört er das Vertrauen, handelt egoistisch, führt die Beziehung ad absurdum – so die vorherrschende Meinung.

Die Schweizer Autorin Michèle Binswanger behauptet das Gegenteil: Nicht Untreue zerstöre unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue, schrieb sie in der „Zeit“ und sorgt damit für Diskussionen.

Michèle Binswanger ist 40. Sie hat eine Tochter (10) und einen Sohn (8). Mit dem Vater ist sie seit 13 Jahren zusammen. Aber das ist Privatsache. Nur so viel verrät sie: Ja, sie sei schon einmal fremdgegangen.

Binswanger will ein Tabu brechen. Sie nennt das gesellschaftliche Treue-Ideal eine „Lüge“. Ewige Treue sei unmöglich.

„Wir können uns die Lust versagen, wir können so tun, als gebe es sie nicht. Aber es ist eine Täuschung.“

Fremdgehen sei demnach die normalste Sache der Welt. Nicht nur Umfragen, nach denen 36 Prozent der Frauen und 44 Prozent der Männer sich einen Seitensprung erlauben, würden das beweisen.

Ein ganzer Wirtschaftszweig verdiene an dem Bedürfnis nach einem sexuellen Abenteuer: Partnerbörsen, Seitensprungportale, Pornografie, Prostitution und Paartherapeuten.

„Mit der Zeit macht das erotische Begehren in der Beziehung anderem Platz und richtet sich auch wieder auf andere Menschen“, sagt Binswanger. „Die Frage ist, wie sinnvoll dogmatische Monogamie ist. Wenn die sexuelle Frustration größer ist als der Schaden, den ein Seitensprung anrichten würde – warum dann aus Prinzip daran festhalten“, fragt die Autorin. Zwischen Treue und einer heilen Beziehung gibt es ihrer Meinung nach keinen notwendigen Zusammenhang.

Lebe deine Lust – mit diesem Appell hat Michèle Binswanger eine Kontroverse ausgelöst. Ist das Wissen um Sicherheit und Geborgenheit nicht viel wichtiger als Sex? In den meisten Umfragen sagen Paare, dass ihnen Treue doch sehr wichtig ist.

„Der Mensch ist ein triebgesteuertes Kulturwesen. Die Frage ist, wie er mit diesen Trieben umgeht“, sagt die Schweizerin. „Wir sind uns gar nicht bewusst, welche Werte wir tatsächlich vertreten, sondern fügen uns blind in Modelle, um dann ebenso blind daraus auszubrechen und damit wohl größeren Schaden anzurichten, als wenn wir uns von Anfang an fragen würden, was unseren Bedürfnissen entspricht.“

So weit, Polygamie einzufordern, will sie aber nicht gehen. „Ich bin auch nicht für Sex ohne Bindung. Aber ich bin dafür, dass wir den Horizont monogamer Beziehungen öffnen.“ Michèle Binswangers neues Buch „Macho-Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen“ erscheint Mitte April bei Nagel & Kimche.

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