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Gefangen in der JVA Billwerder: Hinter Gittern helfen dir nur Träume

Sebastian (36) vor seinem Hafthaus im Gespräch mit einem der Justizvollzugsbeamten.

Sebastian (36) vor seinem Hafthaus im Gespräch mit einem der Justizvollzugsbeamten.

Foto:

Schimkus

Türen. Immer wieder Türen. Anstaltsleiter Ullrich Quietzsch zückt seine Schlüssel, öffnet den Weg ins Herz der Justizvollzugsanstalt Billwerder. Hinter sechs Meter hohen Mauern leben hier knapp 600 Gefangene. Auf alle wartet noch ein Leben nach dem Knast. Eines, in das sie mit einem Makel zurückkehren – als Ex-Knacki.

Großzügig ist er, der Innenbereich der JVA. Aber das vorgetäuschte Freiheitsgefühl zerschellt an den turmhohen Mauern. Vorbei an einem Basketballfeld führt der Weg in eines der Hafthäuser. Grauer Waschbeton, vergitterte Fenster, Nummern an der Außenwand. Willkommen im Gefängnis.

Sebastian* (36) und Christian* (40) betreten den Gruppenraum. Sie sitzen seit mehr als einem Jahr ein. Sebastian wegen gefährlicher Körperverletzung, Christian, weil er „gegen ein Gesetz verstoßen“ hat. So viel offenbart der scheu wirkende Mann, der in der Vergangenheit „viel mit Drogen“ zu tun hatte. Ihre Entlassungstermine? Januar 2014, August 2013. Und dann?

„Die Startbedingungen sind für jeden, der aus dem Gefängnis kommt, nicht gut“, sagt Anstaltsleiter Quietzsch. Wohnungssuche, Jobsuche – wer nimmt schon gern jemanden, der im Knast saß? Mit sozialem Training will die JVA, die in der Vergangenheit für so viele Negativschlagzeilen gesorgt hatte, Chancen verbessern. Quietzsch: „Wir zeigen den Insassen, was im Leben wichtig ist.“

„Wir“ heißt in diesem Fall: Die Justizvollzugsbeamten lehren, die Insassen lernen. Ein Mal in der Woche treffen sie sich zu Rollenspiel, Bewerbungstraining und Diskussion. Drei Monate lang. Göran Wesche (42) und Dirk Leve (44) sind zwei der insgesamt 14 Beamten, die dafür in die Pädagogen-Rolle schlüpfen. Ihr Eindruck: „Das ist kein Weltverbesserungsprogramm, aber es gibt Denkanstöße.“

Sebastian und Christian haben das soziale Training bereits hinter sich. „Ich musste typische Verhaltensweisen wieder erlernen: Freundlichkeit, Respekt, Loyalität. Das hat mir sehr viel gegeben“, sagt Christian. Seine Gesichtszüge sind sanft, seine Stimme leise, einige Zähne kaputt.

Sebastians Fazit fällt etwas nüchterner aus. „Vieles wusste ich natürlich schon, aber man hat gemerkt, dass die Gruppe mit dem Herzen dabei war. Es gibt immer Stresssituationen, die dann Aggressionen auslösen können. Vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. Gut, wenn man darauf vorbereitet ist.“ Zum Nachdenken aber bringe einen allein die Haft.

Der dauernde Anblick von Gitterstäben bedrückt, kann Hoffnungen zerstören – Sebastian, Pferdeschwanz, muskulöse Arme, offene Art, sitzt das erste Mal in Haft. Vorher arbeitete er als Baggerfahrer. „Dort wieder einsteigen zu können, daran setze ich alles“, sagt er. In der JVA ackert er an der Presse. Viel Geld verdient er nicht. 125 Euro im Monat. „Die rund 1500 Euro netto, die ich hier im Jahr bekomme, hatte ich vorher im Monat.“

Außerhalb der Mauern. Dort, wo er bald wieder leben wird. Auf seine Träume angesprochen, überlegt er lange. „Natürlich muss man realistisch sein. Ein erster Traum ginge in Erfüllung, wenn ich meinen Führerschein zurückbekäme. Vielleicht gründe ich auch irgendwann eine Familie. Ich bin mir sicher: Ich kann noch was reißen.“

Helfen soll ihm sein privater Rückhalt. Seine Beziehung ging in die Brüche, dafür entwickelte sich wieder Kontakt zur Familie. Christian muss sich alleine durchbeißen. „Ich habe niemanden, der auf mich wartet“, sagt der Staplerfahrer, der im Gefängnis seinen Hauptschulabschluss nachgeholt hat. „Oberste Priorität hat für mich, nicht wieder straffällig zu werden.“ Und beruflich? „Ich werde Hamburg verlassen, Richtung Küste ziehen. Vielleicht finde ich dort was im Bereich Windenergie.“

Das Gespräch im Hafthaus ist beendet. Wieder öffnen sich für die MOPO-Reporter verschlossene Türen. Kaum draußen, stellt sich ein Gefühl der Erleichterung ein. Sebastian und Christian werden auch hier stehen – und hoffentlich nicht wiederkommen. Denn die Erfahrung hat die Beamten Wesche und Leve gelehrt: „Wir erleben immer wieder, dass das Gefängnistor zur Drehtür wird.“

*) Namen geändert

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