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Alltagsdroge Cannabis?: Hamburg ist die Kiffer-Hochburg

Marihuana-Blüten werden getrocknet und dann meist in einem „Joint“ geraucht – pur oder mit Tabak.

Marihuana-Blüten werden getrocknet und dann meist in einem „Joint“ geraucht – pur oder mit Tabak.

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Peter Atkins/Fotolia

Wie viel Gras darf ein Deutscher haben, ohne bestraft zu werden? Darüber streiten derzeit die Innenminister. Den meisten Hamburgern ist das recht egal. Denn ob legal oder illegal, Cannabis ist längst zur Alltagsdroge geworden.

Bis Anfang der Woche konnte man sogar ganz offen im Schanzenpark rund um die Uhr Gras kaufen. Das will die Polizei jetzt unterbinden – doch die Szene wird sie damit nur verdrängen.

Unter Schülern ist Kiffen sogar populär wie lange nicht: Jeder fünfte 16- bis 18-Jährige greift mindestens monatlich zum Joint, so eine aktuelle Studie, die Ende Juni vorgestellt wird. Das ist eine Steigerung um 64 Prozent gegenüber 2009.

Aber auch ein großer Teil der Erwachsenen hat heute Erfahrungen mit der Droge. Die erste Cannabis-Welle schwappte in den 60ern und 70ern durchs Land, die nächste in den 90ern. Fast jeder zweite 18- bis 64-jährige Hamburger hat mindestens ein Mal im Leben eine illegale Droge konsumiert, die meisten davon Cannabis. Jeder zwölfte Hamburger zwischen 18 und 64 Jahren (also rund 100.000) kifft laut einer Senatsstudie aus dem Jahr 2011 ab und an, jeder Vierte davon wöchentlich, jeder Sechste täglich. „Cannabis ist mitten in der Gesellschaft angekommen“, sagte Theo Baumgärtner, Leiter des Büros für Suchtprävention damals. „Gesetzlich ist es verboten, aber faktisch legal.“

Ständig stoned zu sein, ist dabei genauso verpönt wie ständig betrunken. Doch schräg angeguckt wird niemand, der ab und an kifft. Familienväter zünden sich beim Treffen mit Freunden einen Joint an. In Clubs wird wie selbstverständlich gekifft, Kassierer oder Führungskräfte entspannen abends mit Gras statt Rotwein.

„Ich kiffe eigentlich täglich“, sagt Ludmilla J.* (24), leitende Angestellte in einem Luxushotel. Ihre Freunde und Kollegen machen es auch. Ludmilla sagt, sie wünschte, alle Leute, die saufen, würden stattdessen kiffen. Dann gäbe es auch kaum noch Schlägereien.“

Auch Sabine D. (59), Beamtin aus Othmarschen, ist fast schon froh, dass ihr 17-jähriger Sohn freitagabends mit seinen Freunden auf ihrer Terrasse kifft: „Besser, als dass er sich betrinkt und irgendeinen Mist baut.“

Ein Unrechtsbewusstsein hat kein Kiffer. Das liegt auch an der Politik. Während in Süddeutschland die Polizei Kiffer jagt und vor Gericht stellt, wurden im Norden jahrelang quasi nur noch Dealer bekämpft.

Die bekommen ihre Ware nicht mehr wie in den 70ern als Haschisch (gepresstes Harz der Cannabis-Pflanze) aus Marokko oder Afghanistan. Geraucht wird fast nur noch Gras, das aus Holland und „immer öfter auch von Plantagen in Deutschland stammt“, so Axel Hirth vom Zollfahndungsamt. Ständig heben Fahnder Zuchtstationen in Hamburg aus.

Die Nachfrage ist groß – das Angebot auch: „Es ist kein Problem, an Gras zu kommen“, sagt Hirth. Das Geschäft läuft seltener auf der Straße, sondern in Wohnungen und einschlägigen Läden. „Die Klientel kennt sich“, sagt Hirth.

So wie Nils T. (33) und seine Kunden. Der Eppendorfer kauft regelmäßig rund hundert Gramm „bester Qualität“ zum Preis von 600 Euro, sein Großhändler zahlt für ein Kilo 4500 Euro. Bei noch größeren Mengen sinkt der Preis weiter. Acht Euro zahlen die Freunde und Bekannten, die Nils T. versorgt, um seinen eigenen Konsum zu finanzieren.

In einer Emnid-Umfrage von 2010 forderten 54 Prozent der Deutschen eine entspanntere Cannabis-Politik bis hin zur Legalisierung. Harmlos findet Nils T. die „weiche“ Droge trotzdem nicht: zu viele, auch er selbst, kiffen zu viel und verdrängen dadurch Probleme.

Das kennt Rainer Thomasius, Leiter des Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, nur zu gut. Von den jährlich 1400 Patienten nehmen 80 Prozent Cannabis. Legalisierung? Thomasius ist strikt dagegen. Cannabis sei nicht harmlos, regelmäßiger Konsum ziehe psychische Störungen, Psychosen, Entwicklungs- und Motivationsstörungen und ein gesteigertes Herzinfarktrisiko nach sich.

Und die Konsumenten werden immer jünger. „Der typische Konsument steigt heute mit 13, 14 Jahren ein, kann in der Schule seine Leistungen nicht mehr bringen, vernachlässigt Freunde und Hobbys. Alles dreht sich nur noch ums Kiffen.“ Im Schnitt dauere es drei Jahre, bis der Kandidat im Suchthilfesystem lande. Thomasius’ jüngster Patient ist derzeit 12.

Das kennt man sonst nur von einer anderen Alltagsdroge: Alkohol.

*Alle Namen geändert