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4700 Randalierer, 3168 Polizisten: Die Schlacht um die Schanze

Die Demo am 21. Dezember eskalierte. Es kam zu Straßenschlachten zwischen den Demonstranten und der Polizei.

Die Demo am 21. Dezember eskalierte. Es kam zu Straßenschlachten zwischen den Demonstranten und der Polizei.

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Patrick Sun

Leuchtraketen zischen übers Kopfsteinpflaster, Autonome schmeißen Steine, Flaschen und Böller auf Polizisten, eine Gehwegplatte landet in einem Mietwagen – noch bevor die Demo vor der Roten Flora am Schulterblatt am Sonnabend Nachmittag startet, geht die Gewalt los. Rund 8000 Protestler, davon laut Polizei 4700 Krawallmacher, halten die Beamten auf Trab. Die Polizei spricht von den schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren. Und jetzt hat die Krawall-Demo auch politische Folgen.

Die Stimmung ist von Anfang an aggressiv – auch, weil die Demoroute kurz vor Beginn geändert wird: Wegen des Angriffs auf die Davidwache darf der Protestzug nicht über die Reeperbahn führen. Gegen 14.45 Uhr werden die Protestler vorsorglich vom Veranstalter per Lautsprecher informiert, wo sich Verletzte behandeln lassen können. Eine Minute nach Beginn der Demo fliegen auch schon die ersten Steine, Flaschen und Böller.

Polizisten blockieren das Schulterblatt unter der Eisenbahnbrücke, Vermummte rennen los und greifen sie an. Sofort kommen Wasserwerfer zum Einsatz, die Polizisten zücken Schlagstöcke und drängen die Protestler zurück.

Flora-Aktivisten klagen, dass die Polizei die Demo für den Erhalt der Roten Flora und der Esso-Häuser sowie ein Bleiberecht der „Lampedusa-Flüchtlinge“ von Anfang an verhindern wollte: „Die schlugen wahllos auf Leute ein!“

„Jetzt wisst ihr mal, wie es früher im Krieg war!“, kommentiert eine Seniorin während der Krawalle

Passanten nehmen die Situation anders wahr: 30 Anwohner und Touristen sitzen in einem Hauseingang am Schulterblatt fest, darunter etliche Kinder. Böller fliegen in den Flur. Eine 17-Jährige, die nur zu Besuch ist und nichts von der Demo wusste, bricht in Tränen aus. Eine Seniorin sagt trocken: „Jetzt wisst ihr, wie es früher im Krieg war.“

Parallel sperrt die Bundespolizei die Gleise für den S-Bahn- und Fernverkehr zwischen Holstenstraße und Sternschanze. Der Strom wird abgeschaltet, weil immer wieder Vermummte auf die Gleise klettern und von der Bahnbrücke Steine werfen. Eine S-Bahn mit 200 Fahrgästen kann erst nach 1,5 Stunden in den Bahnhof Sternschanze fahren, danach wird die Strecke sofort wieder gesperrt.

Ein Polizeihubschrauber kreist über der Schanze. Gegen 15.40 Uhr erklärt die Polizei den Aufzug bereits für beendet. Der Platz vor der Roten Flora ist geräumt, mehrere Hundert Autonome stehen vor der Haspa-Filiale, brüllen: „Haut ab, haut ab!“

Während der Krawalle werden auch Baustellenschilder, Farbbeutel und Paletten auf die Beamten geworfen. 120 der 3168 eingesetzten Polizisten aus mehreren Bundesländern erleiden Verletzungen. Ein Beamter wird nach einem Steinwurf bewusstlos in eine Klinik gebracht, auch 18 weitere landen im Krankenhaus. Müllcontainer und Autos (etwa ein DHL-Wagen an der Feldstraße) brennen, Barrikaden werden angezündet, die zum Teil von Anwohnern wieder gelöscht werden.

Bei der Hamburg Messe und dem Klamottenladen „American Apparel“ an der Schanzenstraße werfen Vermummte Scheiben ein. Auch die Budni-Filiale am Schulterblatt wird angegriffen. Steine zerschmettern die Frontscheibe – während Kunden an der Kasse stehen.

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Polizeisprecher Mirko Streiber: „Solche Gewalt hatten wir lange nicht mehr. Das Ungewöhnliche: Es gab keine Rücksicht auf die Gesundheit von Polizisten und Unbeteiligten.“

Aus Angst vor Randale sichern parallel Hunderte Beamte die Einkaufsstraßen und Weihnachtsmärkte in der City. Doch die Krawallmacher haben ein anderes Ziel: den Kiez.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Sturm auf die Luxus-Hotels auf St. Pauli und das Katz-und-Maus-Spiel in drei Stadtteilen!

Sturm auf Luxus-Hotels - Nach der Schanzen-Schlacht werden vier Nobel-Herbergen angegriffen und die Esso-Häuser besetzt

Kaum war die Schlacht um die Schanze beendet, zogen die Krawallmacher am frühen Abend in Richtung Kiez. Ihr Ziel: Luxus-Hotels! Etliche Glasfassaden wurden eingeworfen, Restaurants verwüstet.

Es ist kurz nach 18 Uhr, als Protestler die Esso-Häuser an der Reeperbahn, für deren Erhalt sie unter anderem kämpfen, stürmen. Ein Beamter zur MOPO: „Die Einsatzkräfte gehen nicht in die Häuser – wegen der Einsturzgefahr.“ Die Protestler halten eine kurze Kundgebung ab. Kurz darauf brennt wenige Meter entfernt ein Auto. Auch Barrikaden und Müllcontainer werden angezündet.

Dann beginnt der Sturm auf die Nobel-Hotels. Beim „NH Hotel“ an der Feldstraße sind alle Scheiben eingeschlagen und das Restaurant soll laut Zeugen völlig verwüstet sein. Auch beim „Arcotel Onyx“ an der Reeperbahn, dem „Empire Riverside“ an der Bernhard-Nocht-Straße und dem „Hotel Hafen Hamburg“ an der Seewartenstraße klirren die Scheiben.

Die Krawallmacher liefern sich über Stunden ein Katz-Und-Maus-Spiel mit der Polizei. Schließlich werden 300 an der Kastanienallee (St. Pauli) eingekesselt. Die Beamten nehmen sie in Gewahrsam. Mit HVV-Bussen wird ein Großteil in die Gefangenensammelstelle an der Stresemannstraße gebracht. Mehr als ein Dutzend Randalierer werden wegen schwerem Landfriedensbruch oder Sachbeschädigung festgenommen.

Der befürchtete Sturm auf die Innenstadt, in der unter anderem auch die Pferdestaffel unterwegs ist, bleibt aus. Lediglich die Fensterscheiben der Deutschen Bank an der Mönckebergstraße werden eingeworfen. Die Polizei soll mehrere Steinewerfer gefasst haben.

Bis in die Nacht hinein tauchten immer wieder Gruppen von Krawallmachern auf, unter anderem 1000 Demonstranten in Hoheluft, und lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Beamten. Nach Mitternacht war die Krawall-Demo in Hamburg dann vorbei.

Nach Angaben linker Organisationen sind während der Krawall-Demo rund 500 Demonstranten verletzt worden, 20 Demonstranten sogar schwer.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die politischen Folgen der Krawall-Demo, was die Gewerkschaft der Polizei und Politiker meinen!

Am Sonnabend überschlagen sich die Meldungen weiter

Die Grünenfranktion in der Hamburger Bürgerschaft hat eine Sondersitzung des Innenausschusses beantragt. Wie Antje Möller, der innenpolitische Sprecher, erklärte, solle in der Sitzung geklärt werden, warum die Demonstration schon zu Beginn von der Polizei gestoppt wurde und warum weitere Demonstrationen verboten worden seien. Die SPD-Bürgerschaftsfraktion hat indes den Einsatz der Beamten gelobt: „Die Polizei konnte Schlimmeres verhindern.“

Christiane Schneider, die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, erhebt indes schwere Vorwürfe: „Die Polizei ist verpflichtet, deeskalierend zu wirken, doch hier hat sie eskaliert. Ich habe den Eindruck, dass es die politische Absicht war, die Demonstration nicht stattfinden zu lassen.“ Das Grundrecht auf Demonstration habe erheblichen Schaden erlitten und die die gestrigen Krawalle „die Spaltung in dieser Stadt verschärft“.

„Ohne Schutzkleidung hätte es tote Polizisten gegeben“

Die Gewerkschaft der Polizei hat die Demo in einer Mitteilung inzwischen als „schweren Missbrauch des Demonstrationsrechts“ kritisiert. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Oliver Malchow, sei erschüttert, mit welchem Hass politische Extremisten in Deutschland nach dem Leben von Polizisten trachteten. Weiter heißt es: Ohne Schutzkleidung hätte es tote Polizisten gegeben.

„Die Gewalt geht von der Roten Flora aus!“

Auch Kai Voet Van Vormizeele, innenpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, greift zu drastischen Worten: „Die von den linken Gewalttätern ausgehenden bürgerkriegsähnlichen Attacken auf unsere Polizei und unsere Stadt haben einmal mehr deutlich gemacht, dass dem Missbrauch des Demonstrationsrecht Einhalt geboten werden muss.“

Er fordert deshalb Gesetzesänderungen, die eine Anmelderhaftung möglich machen. Der Politiker weiter: „Es ist nicht einzusehen, dass die Steuerzahler kollektiv für das kranke Freizeitvergnügen einiger weniger Psychopathen zahlen müssen.“ Seiner Meinung nach könne die Rote Flora „unzweifelhaft als der Ort angesehen werden, von dem gezielt Gewalt ausgeht“.

Stadtverbot und Einführung von Gummigeschossen

Der CDU-Abgeordnete Karl-Heinz Warnholz fordert sogar ein Aufenthaltsverbot für das Stadtgebiet an Demonstrationstagen für bekannte Krawallmacher sowie, dass „Verabredungen via Mobiltelefone und sozialer Netzwerke zur Strafverfolgung ausgewertet werden können muss“.

Damit nicht genug: Die Ausrüstung der Beamten müsse „dem hohem Maß an krimineller Energie angepasst werden“. Er fordert deshalb die Einführung von Gummigeschossen.

Außerdem, so Karl-Heinz Warnholz in einer Mitteilung weiter: „Auf diese Form des Angriffs auf die Rechtsgemeinschaft müssen neue Antworten gefunden werden.“ Denkbar wäre, so der Politiker, unter anderem der Entzug der Fahrerlaubnis oder ein erschwerter Zugang zum Abitur oder Hochschulabschluss.

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