Zusatz-Leistungen „IGeL“

Wie uns die Ärzte abkassieren

Von SIEGLINDE NEUMANN
IGeL-Leistung gefällig? Gynäkologen, Augenärzte, Urologen, Orthopäden und Hautärzte verlangen am häufigsten Bares.
IGeL-Leistung gefällig? Gynäkologen, Augenärzte, Urologen, Orthopäden und Hautärzte verlangen am häufigsten Bares.
Foto: IMAGO

Augeninnendruck-Messung? Klar – macht 22 Euro. Ultraschall zur Krebsvorsorge? Jederzeit – für 80 Euro. Schlimm: In vielen Arztpraxen genügt es nicht mehr, dass wir 10 Euro Praxisgebühr zahlen.

Vor allem Fachärzte bitten gesetzlich Versicherte für medizinische Maßnahmen zur Kasse, deklariert als selbst zu zahlende „Individuelle Gesundheitsleistungen“, kurz IGeL.

Abkassiert beim Arzt: Glaukom-Check, Stoßwellen, Bachblüten. Spezielle Blutwerte, Akupunktur, Ultraschall - mehr als 360 solcher zu IGeL erklärten Extras gibt es, sie füllen ein ganzen Buch. Zum Startschuss 1998 waren es nur 80.

Doch aus dem Schlupfloch, das die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schuf, um niedergelassenen Medizinern Verdienstmöglichkeiten mit Kassenpatienten jenseits der Chipkarte zu eröffnen, ist alltägliche Routine geworden. Und ein Milliardengeschäft.

Von Alzheimer-MRT bis Bachblüten

Hier die gängigsten IGeL-Angebote.

Bewertung: Was etwas taugt ist „positiv“, was sinnvoll sein kann „tendenziell positiv“. Was überflüssig ist („tendenziell negativ“), überflüssig, eher schädlich - Prädikat „negativ“. „Unklar“ ist das Mittelding.

Die ökonomischen Vorteile für die Praxis liegen auf der Hand: Die Privatrechnung hat den Charme, sie unkontrolliert oft ausstellen zu dürfen. Es gibt keine Budgetgrenzen, keine Kasse klopft dem Arzt auf die Finger.

Es zahlt sich eins zu eins aus, den Rückenpatienten und Kopfschmerzgeplagten, Menschen mit Knieproblemen und besorgten werdenden Müttern das Zusatzangebot – obwohl die Kasse es nicht zahlt – als sinnvoll ans Herz zu legen.

Etliche Patienten greifen zu – mangels besseren Wissens. Die Klage der Ärzte über mickrige „normale“ Bezahlung durch die Kassen leuchtet ein.

Doch das IGeL-Marketing hat teils bizarre Formen angenommen, kritisiert Dr. Walter Dresch, der sich als Hausarzt in seiner Praxis auf eindeutig privat begründete IGeL-Leistungen wie Atteste für den Tauchurlaub beschränkt.

„Zu mir kam eine schwangere Frau, die der Gynäkologe, nur weil sie 35 war, gleich zur Risikoschwangerschaft erklärte. Ein paar hundert Euro war sie da schon los.“ „Ärzte machen mit Unsinn Kasse“, giftet der „Spiegel“. Hintergrund: Der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbands (MDS) hat angefangen, den Dschungel der ausufernden IGeLitis zu lichten, auf tatsächlichen Nutzen zu prüfen.

Die ersten 24 Empfehlungen stehen, das Feedback zeigt die Misstöne durch den IGeL-Druck. Da schreibt ein verzweifelter Patient: „Mein Arzt will sich schriftlich geben lassen, dass ich keine IGeL-Leistung will.“ Da ist das Vertrauensverhältnis gestört, und das, so Dr. Silke Thomas (MDS) „ist A und O jeder erfolgreichen Behandlung.“

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Datum:  2.2.2012
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