Trend „Unboxing“

Warum Männer so gerne Technik auspacken

Was kann so spannend daran sein, anderen Männern dabei zuzusehen, wie sie technische Geräte aus der Verpackung schälen? Das Internet-Phänomen „Unboxing“ hat trotzdem viele Fans. Wir erklären, was dahinter steckt.

Technische Neuheiten üben große Faszination auf Männer aus. Darin steckt die Lust an der Funktion und Kontrolle von Geräten.
Technische Neuheiten üben große Faszination auf Männer aus. Darin steckt die Lust an der Funktion und Kontrolle von Geräten.
Foto: dpa-tmn

Alles begann mit einem Nokia E61 irgendwann im Frühsommer 2006. Ein gewisser Vincent Nguyen sitzt im kurzärmeligen Hemd am Schreibtisch und packt das neue Smartphone aus: Handy, Treiber-CD, Akku, Speicherkarte, Headset, Handbuch, USB-Kabel und das Ladegerät. Höhepunkt: Vincent verrät seinen Zuschauern, dass es sich um ein Importgerät aus der EU handelt - und präsentiert stolz einen US-Steckdosenadapter. „Basically that's it“, sagt er. „Im Grunde war's das.“ Anderthalb Minuten, die quälend langsam vergehen.

Unspektakuläre Videos

Unboxing, also auspacken, nennt sich das Phänomen, das sich beharrlich im Netz hält. Technisch und künstlerisch sind die Videos der sendungsbewussten Technikliebhaber höchst unspektakulär. Meist sind nur Hände im Bild zu sehen, manchmal rückt sich der stolze Besitzer selbst mit in Szene. Es ist das immergleiche Ritual: Einzelteile, Zubehör, Handbücher werden aus der Verpackung gefischt und fein säuberlich aufgereiht. Immerhin: Wer das Produkt kaufen möchte, weiß jetzt, wie es aussieht und kennt den Lieferumfang.

Seltsames Internet-Phänomen „Unboxing“

Bildergalerie ( 10 Bilder )

Die meisten Videos finden sich auf Portalen wie YouTube, MyVideo oder Vimeo. Es gibt auch Seiten wie http://unboxing.gearlive.com, die sich ganz dem Auspacken von Smartphones, Tablets und Co verschrieben haben. Auffällig: Den Schachtelteufel beschwören fast nur Männer.

Die Lust an der Kontrolle von Geräten

Was bringt sie dazu, das Auspacken von Hightech akribisch zu dokumentieren oder im Netz zu verfolgen? „Technische Neuheiten üben weiterhin große Faszination auf Männer aus“, erklärt die Psychoanalytikerin Prof. Brigitte Boothe von der Universität Zürich. Darin stecke die Lust an der Funktion und Kontrolle von Geräten. Das stolze Vorführen, eigentlich das Verklären, sei ein zusätzliches Vergnügen. „Etwas zu verklären, ist eine aktive Leistung zur Verbesserung des Wohlbefindens“, sagt die Forscherin. Durch das ungestörte Zelebrieren des Auspackens und das Netzpublikum werde die Überhöhung noch verstärkt.

Die schrägsten Internet-Phänomene

Bildergalerie ( 19 Bilder )

Der Zuschauer genießt den Glanz des Gerätes mit - und steigert so auch sein Wohlbefinden. „Es ist der stellvertretende Genuss von etwas, das man nicht besitzt“, erklärt Boothe, die unter anderem die Psychoanalyse des Wünschens erforscht. „Es ist gar nicht so, dass man es unbedingt haben muss.“ Oft reiche die Inszenierung, also das Anschauen eines Videos, um sich besser zu fühlen - selbst wenn einem vielleicht das Geld zum Kauf fehlt.

Die Vorfreude auf das Traumprodukt

Und dem, der wirklich etwas herbeisehnt, verschafft ein Video vom Traumprodukt, mitunter sogar schon die bloße Vorstellung davon, beim aufreibenden Warten Entspannung. „Abwarten ist eine Kunst, die wir jeden Tag brauchen“, sagt Prof. Boothe. Und dabei hilft die Vorfreude. Ohne sie reißt im Alltag schnell der Geduldsfaden.

In der Bildergalerie zeigen wir, wie das „Unboxing“ aussieht und wie der Trend im Netz schon parodiert wurde.

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Datum:  7.2.2012
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